Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 29 (1865)
- Issue
- Heft 6 (7.2.1865)
- Date
- 1865-02-07
- Page
- Seite 82 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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werden muß, eine dauernde Spaltung im Iudenthume bewirkt hat: so wenig-wird es den Epigonen, den Hirsch, Hildesheimer und Genossen gelingen, die Juden mit sich selbst zu verfeinden und einen dauernden Riß unter sie zu bringen. Mißlang doch auch der Versuch des vr. Adler in London, die sogen. Westend-Gemeinde in den Bann zu bringen, und sah er selbst sich genöthigt, Glieder dieser Gemeinde mit solchen der ihm anhängenden Gemeinde zu trauen. Es geht durch das ganze Judenthum und durch den ganzen jüdischen Stamm in ihrer gesammten geschichtlichen Existenz das Gefühl, oft auch zum klaren Bewußtsein geworden, daß ein einheitliches Wesen in ihnen besteht, ein einheitlicher Grundstock, unveränderlich, von allem Wandel der Zeit unberührt, von allem Wechsel der concreten Erscheinungen unverletzt, und dieses Gefühl und dieses Bewußtsein, daß alle Modificationen doch immer wieder in einem Glauben und einem Dasein gipfeln, aus ihm hervortreiben und ihre Lebenssäfte erhalten, dieses Gefühl und Bewußtsein ist das feste Band, das alle ihre Glieder zusammenhält und das von keinem Fanatiker, von keinem Eiferer, mögen dessen Motive lauterer oder unlauterer Art sein, zerrissen werden kann. Als die zehn Stämme sich vom Hause David's losrissen, Jerusalem und den Tempel nicht mehr als den Einigüngspunkt der Religion und der Nation anerkannten, auch damals, berichtet uns die h. Schrift, erging das Wort Gottes durch den Propheten Schemajah an den König von Juda und an sein Heer von hundertundachtzigtausend auserlesener Krieger: „Ziehet nicht aus und streitet nicht mit euren Brüdern, den Söhnen Israels, kehre ein jeglicher in sein Haus zurück, denn von mir ist diese Sache geschehen." Und sie gehorchten dem Worte des Ewigen (1 Kön. 12, 21— 24.). Dies war das dem Geiste des wahren Judenthums entsprechende Wort, welches in einer so großen Gefahr, und wo die Zerklüftung den äußersten Punkt erreicht hatte, beschwichtigend wirkte, das in der Gesammtheit Israels zu leben und zu wirken niemals aufgehört hat und auch jetzt noch unbewußt und bewußt in uns lebendig ist. Die Stimmen, die dagegen laut werden, die heute wieder zu Spaltung und Schisma rufen und sich „heiser darnach--schreien", verhallen ungehört oder doch unberücksichtigt. So geschah es auch, als wieder einmal das Mittel des „Protestes", dieses wahren Zeichens der Schwache, dienen sollte, um ein Schisma zu proclamiren, weil man die Ehre eines solchen dem stabilen Iudenthume nicht zuerkennen wollte. Dieser Protest ging abermals von den Neuorthodoxen aus, ohne daß es ihnen gelang, mehr als eine sehr geringe Zahl altorthodoxer Rabbiuen zum Beitritt zu bewegen. Der Mittelpunkt war die Messiaslehre. Nicht die Messiaslehre an sich, denn die Ueberzeugung, daß die Menschheit und in ihr Israel der Vervollkommnung immer näher schreite und einst eine Zeit allgemeiner Gotteserkenntniß, des Rechtes und des Friedens erreichen werde, ist eine consequente Folgerung aus der Lehre des Judenthums und ein integrirender Theil derselben. Ob aber die Verwirklichung durch einen persönlichen Messias aus dem Hause David's geschehen werde, der das israelitische Reich wiederherstellen und den Tempel zu Jerusalem wieder erbauen werde, ist. eine Glaubenssache, die sich nicht befehlen läßt, über die an sich man nicht streiten kann und die von keiner praktischen, religiösen, sittlichen oder politischen Bedeutung ist. Wir haben in einem besondern Artikel nachgewiesen, daß allerdings einige wenige Prophetenstellen für diese Auffassung sprechen, daß aber die Thora gänzlich darüber schweigt und eine Fülle von Prophetenstellen lediglich von jener messianischen Zeit sprechen, ohne auch nur die geringste Spur von der Idee eines persönlichen Messias aus dem Geschlechte David's zu enthalten, woraus als einfachste Folgerung fließt, daß es jedem Israeliten freigegeben ist, sich über jene Zukunft eine Vorstellung nach allen diesen Prophetenstellen oder auch nach jenen wenigen Andeutungen zu machen.*) Genug, daß keine der beiden Ansichten an dem Wesen des jüdischen Glaubens und an den Pflichten des Juden etwas ändern. Geschichtlich war der Glaube an einen persönlichen Messias der Masse des jüdischen Volkes jahrhundertelang ein tiefes Bedürfniß, weil sie einerseits in den furchtbaren Drangsalen eines concreten Trostes, einer bestimmten Hoffnung nicht entbehren konnte, andererseits diese nicht in den wahren Umrissen einer Idee zu finden vermocht hätte. Nicht minder aber war dieser Glaube an einen persönlichen Messias die Quelle des größten Mißgeschickes, welchem Hunderttausende zum Opfer fielen. Wie es daher in der Zeit lag, suchten die Lehrer des Volkes diesen Glauben zu stärken oder zu schwächen. Wenn die Talmudisten meist auf der ersten Seite *) Es ergaben sich nur drei Stellen: Jes. 9, 5. 6. 11, 1—10. Sechar. 9, 9. 10. Auch erinnern wir, daß, wie wir nachwiefen, das Wort in der ganzen h. Schrift nirgends in der Bedeutung des Messias vorkommt.