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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1865-02-07 · Heft 6 (7.2.1865) · p. Seite 81

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
29 (1865)
Issue
Heft 6 (7.2.1865)
Date
1865-02-07
Page
Seite 81 (sequence 3)
Language
German
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81 Möge man sich bei so mannigfaltigen und verschiedenartigen historischen Thatsachen hüten, das Wahre mit dem Falschen zu vermischen. Auch wir erkennen an, daß nicht blos in den Nationalitäten sondern auch in den großen Racen des Menschengeschlechtes eine ursprüngliche Verschiedenheit, gewisse prototypische Gegensätze stattsanden. Aber man darf darum der geschichtlichen Wahrheit gegenüber nicht die großen Geistesgebiete auf sie vertheilen wollen und man darf darum der Entwickelung gegenüber die durch Ausbildung und Entfaltung, durch Austausch und Vermischung bewirkte Ausgleichung nicht verkennen und eine Dauerhaftigkeit primitiver Zustände annehmen wollen, welcher durch tausend geschichtliche Wahrnehmungen widersprochen wird. Hierunter leidet die geschichtliche Erkenntniß und unter den Folgerungen können sehr schwerwiegende Nachtheile entstehen. Arber die jüngsten Bewegungen im Judenthume. *) (Fortsetzung.) Wenn wir das vorhergehende Bild der jetzt im Judenthume vorhandenen Ansichten und Richtungen überschauen, in welches wir nur die der Wirklichkeit entnommenen Züge eingetragen zu haben glauben, so wird uns in überraschender Weise die Ueberzeugung kommen, daß hier an ein Schisma, an wirkliche Spaltungen und Sectirereien gar nicht zu denken ist. Dazu sind die Nüancirungen nach rechts und links zu mannigfaltig, die Momente der Verschiedenheit zu wenig scharf abgegrenzt und eine Vermischung der letzteren zu häufig. Niemand kann mit Bestimmtheit sagen, wo er sich von seinen Nachbarn genau unterscheidet, wo seine Ansicht anfängt zu divergiren und wo sie dies zu thun aufhört. Wir haben gesehen, daß dies selbst den beiden großen Principien nach nicht möglich ist, da von den eigentlichen Stabilen, von den wirklichen Altorthodoxen sich schon die nächsten Posten, so sehr sie sich auch den ersteren zurechnen möchten, sehr reell unterscheiden und zwischen den beiden Extremen viele vermittelnde Standpunkte eingenommen werden. *) Wir wiederholen, daß in dem vorigen Abschnitt dieses Aufsatzes der Druckfehler zu verbessern ist: S. 50, Sp. 2, Z. 12 v. o. „Religion des Individuums." — <3. 48, Sp. 1, Z. 9 v. o. ist zu lesen „der talmudischen Lehrer." Auch ist S. 47, Sp. 2, Z. 1 v. u. zu lesen: „aus der göttlichen Offenbarung hervorgegangen anerkannten Boden." Weder in der Theorie noch in der Praxis findet eine genaue Abgrenzung statt, denn es gibt zahllose Individuen, die in dem einen Punkte sehr orthodox, in dem andern sehr reformatorisch gesinnt sind oder doch so handeln; viele, die zu Hause sehr orthodox, auf Reisen äußerst reformatorisch sich benehmen; wir kennen Männer, die für ihre Person alle jüdische Satzung beseitigt haben und doch für ein Piut oder einen Minhag mit äußerster Heftigkeit streiten; Männer, welche in ihren Ansichten bis zum letzten Stadium der Reform gegangen sind, aber, wenn sie einmal zum Gottesdienste kommen, keinen Nigun vermissen wollen und die Gebete um Rückkehr nach Palästina, um Wiederherstellung des Opfercultus sehr eifrig beten; ja Männer, welche sich bis zur schärfsten Kritik der Thora verstiegen und doch jeder Umgestaltung im jüdischen Leben mit Betrübniß zusahen. Diese Mannigfaltigkeit, die zugleich so viele Verträglichkeit in sich birgt und jeden Versuch, eine dauernde Spaltung hervorzurufen, mit Abscheu zurückweist, begrüßen wir mit Freuden, weil sie ein Ergebniß der freien Bewegung des Geistes unter den Juden ist. Wir geben zu, daß hierzu der Mangel an allen äußeren Zwangsmitteln beigetragen, daß auf diese glückliche Erscheinung nicht wenig der Umstand eingewirkt hat, daß diese ganze Entwickelung in einem Zeitalter vor sich ging, in welchem, bei allen widersprechenden einzelnen Vorkommnissen, der Geist der Humanität, der Gerechtigkeit und der Glaubensfreiheit vorherrschend ist. Aber diese äußeren Motive hätten doch nicht ausgereicht, zu verhindern, daß in einer so überaus schnell aus einem äußersten Extreme sich entwickelnden Körperschaft die Wirkung der Gegensätze schroff hervortrete und zu sich abstoßenden Parteien und Secten werde, wenn nicht der innere Geist des Judenthums und des jüdischen Stammes dahin geartet wäre, solche Zerklüftung zu vermeiden. Diesen höheren Geist des Friedens, dieses beherrschende Gefühl der Einheit und der Zusammengehörigkeit, welche immerhin örtlichen und persönlichen Hader in Fülle zulaffen, aber weiterhin jedes Auseinanderfallen verhindern, haben wir bereits in früheren Artikeln aus der ganzen Geschichte des. Judenthums nachgewiesen, und so wenig wie der Gegensatz der Hilleliten und Schammaiten, der Maimoniden und ihrer Gegner, der Mendelssohnianer Und ihrer Verketzerer zu einem Schisma geführt haben, so wenig wie selbst der Gegensatz der Pharisäer und Sadducäer, so großen Schäden er auch den Juden gebracht und zu den wesentlichsten Ursachen des Falles Jerusalems gezählt 6*

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