Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 29 (1865)
- Issue
- Heft 6 (7.2.1865)
- Date
- 1865-02-07
- Page
- Seite 80 (sequence 2)
- Language
- German
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80 das religiöse Element als Charakteristicum durchaus nicht entschieden vindicireu. Man geht hier im Zu- und Ab-.. sprechen mit einer Verallgemeinerung vor, welche durchaus nicht zutreffend ist und darum um so mehr zu einer Vereinseitigung wirdi Herr Bluntschli meint unter anderm auch, daß die Sprache der Semiten- „starr und arm sei und ihre - Literatur nicht vielseitig", und wir halten dieses Urtheil aus nicht genügender Kenntniß gestoffen. Weder die hebräische Sprache ist starr, sondern zeigt sich bis zu ihrer Ausmündung in das talmudische Aramäisch sehr bildsam und entwickelungsfähig, noch wird ein Kenner des Arabischen in seinen verschiedenen Perioden bis zur Gegenwart die reiche Entwickelung leugnen. Wenn die hebräische Sprache vermöge ihrer Zeit und Verhältnisse nur einen begrenzten Raum einnimmt, so zeigt sie sich innerhalb desselben von außerordentlichem Reichthum, namentlich an Synonymen, in deren Fülle sie vielleicht den ersten Platz einnimmt. Wie man der arabischen Literatur die Vielseitigkeit absprechen kann, begreift man nicht, da sie sich im Mittelalter über alle Gebiete des menschlichen Wissens und Forschens ausdehnte und selbst in der Jetztzeit des wissenschaftlichen Charakters bei weitem nicht so sehr entbehrt, wie wir Europäer uns gewöhnlich einbilden, weil so wenig davon zu unserer Kenntniß kommt. Daß die Mathematik auf semitischen Grundlagen beruhe, führt Herr Bluntschli selbst an. Aber müssen wir dies nicht nach den Entdeckungen der neuesten Zeit auch von der Kunst sagen? Weiß man jetzt nicht, daß die assyrische Kunst das Mittelglied zwischen der ägyptischen und griechischen war, daß die griechische unmittelbar sich an die assyrische anlehnt und selbst die griechischen Säulenordnungen ihr Vorbild in Assyrien fanden? Wir müssen also eingestehen, daß alle diese Gegensätze nur hypothetisch sind und dem Anscheine nach nur des Gegensatzes wegen aufgestellt werden. Von der andern Seite aber können wir ebenso wenig einräumen, daß die arischen Völker ihr Charakteristicum in dem politischen Wesen finden. Denn einerseits erweisen die Seeherrschast und das Colonialsystem der Phönizier und die den Orient zeitweise beherrschenden Staaten der Assyrer und Chaldäer sowie der Staat der Hebräer, der anderthalb Jahrtausende bestand, und endlich die mohammedanische Staatenbildung, daß den Semiten das politische Wesen nicht abging. Wer kann den Hebräern ein hohes politisches Bewußtsein absprechen? Sie haben theoretisch nicht blos im mosaischen Gesetze die höchsten Grundsätze der Gesellschaft verkündet, sondern ihr staatliches, Leben, welches Republik, Wahl- und Erbmonarchie umfaßt, das sich von dem Despotismus, welchen die davidische Familie angenommen, loszureißen und selbst unter der Obherrschaft der Perser noch einen Staat zu organisiren, von den Syrern sich frei zu machen und eine neue Monarchie zu schaffen vermochte, hat sich hinlänglich documentirt. Andererseits sind es nur einige arische Völkerschaften, welche zu einer höheren politischen Entwickelung kamen. Der indische Staat stand nicht höher als der ägyptische, der persische um weniges höher als der assyrische und chüldäische; der mittelalterliche Feudalstaat bietet wenig von einem politischen Bewußtsein upd nur ironisch könnte man ihm einen schöpferischen Geist in der Politik zuschreiben, da er unaufhörlich seine Staaten innerhalb der Lehnsverfassung veränderte. Ein Theil der arischen Völker ringt sich noch jetzt mühsam aus dem asiatischen Despotismus heraus. So sind es nur die Griechen und Römer und die modernen germanischen und romanischen Völker, die eine höhere politische Stufe erreichten, was denn aus einem Zusammentreffen so vieler anderweitiger Momente hervorgegangen, daß man schwerlich daraus den wesentlichen Charakter einer so unermeßlichen Race machen kann. Wir möchten noch eine andere Bemerkung machen. Bei den Hebräern und auf den Grundlagen derselben bei den Arabern bildet das Religiöse und Politische eine Einheit, d. h: das Politische nahm den Charakter des Religiösen an und die Religion hatte Energie und Consequenz genug, die Grundsätze des Politischen als Folgerungen aus sich zu ziehen. Hierin liegt jedenfalls ein hohes politisches Bewußtsein, das schon mit der Bildung der Religion so stark hervortrat, um sich in dieser einen so bedeutenden Platz zu schaffen, während es bei anderen Völkern nur erst infolge eines langen politischen Lebens erwachte und selbständig seine Gestaltungen begann. Auch bei anderen Völkern stand .die Religion an der Wiege ihres Staates, wich aber bald vor dem Vigor des letzteren zurück, wie sie z. B. bei den Griechen mehr die Bildung der Ge- , schlechter als des Staates trug. Wie viel die Griechen übrigens auch hierin von den Phöniziern lernten, ist jetzt anerkannt und der deutsche Geschichtsforscher Curtius hat : es sehr klar gemacht, wie die Hellenen den Phöniziern ihre Handelswege, ihre Anlegung und Organisirung von Colonien ablauschten, ja ausspionirten und so zuerst die jonischen, dann die griechischen und italischen Küsten mit. Colonien besetzten, die dann zu Staaten wurden. <