Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 29 (1865)
- Issue
- Heft 5 (31.1.1865)
- Date
- 1865-01-31
- Page
- Seite 71 (sequence 9)
- Language
- German
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71 pitalern junge Israeliten zum Christenthume zu bekehren versucht. H. van Hispen kommt diesem zur-Hilfe Und weist auf die Länder, in welchen die Katholiken der drückendsten Intoleranz unterworfen seien. Herr van Meemstra erinnert, daß er selbst öfter-einer zu großen Begünstigung der Katholiken beschuldigt worden sei) ohne daß dies ihm Sorge gemacht, denn für ihn sei nur der Grundsatz gleicher Behandlung aller Religionen Beweggrund. Es handle sich hier um kein katholisches, protestantisches oder israelitisches Interesse, sondern nur um die Sache der Wahrheit und Civilisation. Wo irgend religiöse Verfolgungen vorkämen, verabscheue er sie, daß die Regierung der Niederlande dagegen protestire und keinen Gesandten daselbst halte. (Schluß folgt.) Frankreich. Paris, 18. Januar. (Privatmitth.) Sie wünschen 'über die augenblickliche Situation aühier einiges Nähere zu erfahren. Daß der Focus der europäischen Verhältnisse zu Rom gegenwärtig hier gelegen ist und die nächste Zukunft der ultramontandtt Bestrebungen, von denen auch wir Juden so vielfach bedroht sind, von i hier abhängt, ist allerdings wahr. Die Maßregel, welche die französische Regierung gegen die päpstliche Enchklica vom 8. Dec. getroffen, ist sehr verschieden beurtheilt worden. In ihrem Werthe als Verbot, als Eingriff in die freie Bewegung ist sie allerdings zu verurtheilen. Aber auch lediglich von diesem allgemeinen Gesichtspunkte. Wenn aber einmal Verbote, Beschränkungen und Prohibitivmaßregeln zu dem Systeme einer Regierung gehören, so kann man doch fragen, warum diese nur gegen die liberale -Partei, nicht auch gegen die klerikale - ausgeübt werden soll? Wenn jedes Buch, jedes Pamphlet, jedes Blatt der Beaufsichtigung und Beschlagnahme unterworfen sind, warum nicht auch ein: Schriftstück von so außerordentlicher Wichtigkeit? Oder können es sich die Regierungen, welche die kirchliche Veröffentlichung der Enchklica völlig sreigegebem haben, dies als einen Act der Freisinnigkeit anrechnen oder vielmehr ihrer Kirchlichkeit? Sie wissen, ich bin ganz und xfar für die freie Bewegung, aber so lange diese nicht nach allen Seiten besteht, kann sie auch nicht ausnahmsweise für eine einzige beansprucht werden. Aber darin liegt auch gar nicht die Hauptbedeutung des Schrittes den die französische Regierung gethan. Sie mußte sich der Enchklica gegenüber aussprechen. Ein Manifest gegen dieselbe zu erlassen, war völlig unthünlich; eine ministerielle Depesche bleibt in dendiplomatischen Acten vergraben und ist nach jetzigem Stile nur eine Aeußerung des Ministers, mit dessen Abtreten sie ihren Werth verloren; es mußte also ein -Act' der Mißbilligung vor der Nation und Europa sein, der doch wiederum keinen positiven Charakter hatte, und man griff daher zu jenem Verbote. Kennzeichnet dieses von seiner allgemeinen Seite her das jetzt in Frankreich herrschende System, so kennzeichnet es doch im Besondern die Zurückweisung der Enchklica seitens der französischen Negierung. Einige Prälaten haben nicht gehorcht; eine größere Zahl hat protestirt. Im Verhältniß zur Gesammtzahl der französischen Bischöfe und Erzbischöfe ist dies bis heute doch nur von einer nicht bedeutenden Minorität geschehen, von welcher man im Auslande viel zu viel Wesens macht. Das Schweigen der großen Mehrheit, den Erzbischof von Paris an der Spitze, hat viel größere Bedeutung und wird zur rechten Zeit von der Negierung wohl ausgebeutet werden. Die Renitenten werden wegen Mißbrauchs der Amtsgewalt vor den Staatsrath berufen. Ob es bei dem bloßen Tadel und Verweise bleiben werde, hängt von der weiteren Entwickelung der Sache ab. Wahrscheinlich wird die Sache damit abgethan sein. Der Strom der Zeit'geht dann auch über die Enchklica hinweg. Rom hat gesprochen, Frankreich geantwortet, einige Renitenten erhalten einen Verweis. Von beiden Seiten wird eine scheinbare Ausgleichung gesucht und die Sache hat ihr Ende. Doch nur scheinbar. Der Riß zwischen dem Imperialismus und dem Ultramontanismus ist zu Tage gekommen. Napoleon III. hat den letztern genährt, bis dieser ihm zu stark geworden zu sein schien; Die der Kaiser überhaupt sich fürchtet, mit irgend einer entschiedenen Partei identificirt zu werden, graute es ihm besonders, mit der ultramontanen identisch zu erscheinen. Die Enchklica mag ihm daher ganz gelegen gekommen sein. Wie es sich nun für die nächste Zukunft machen werde, ist unschwer abzusehen. Auch die ultramontane Partei kann des Kaisers nicht entbehren, da die schwankende Gesinnung der Masse keinen festen Halt gibt und die Macht gegenwärtig bei dem Kaiser ist. An wen sollten sie sich jetzt halten? Aber im Herzen war, ist und bleibt der Ultramontanismus legitimistisch, und auch Napoleon III. weiß, daß er bei einer Krise nur