Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 29 (1865)
- Issue
- Heft 4 (24.1.1865)
- Date
- 1865-01-24
- Page
- Seite 50 (sequence 4)
- Language
- German
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tum wie deren . Vertreibung aus dem Lande ihrer Väter und die Zerstörung des Tempels; sie erkennt diese unermeßliche Umwandlung aller ihrer Lebensverhältnisse, ihrer geistigen und materiellen THLtigkeit, ihrer Bildung und Richtung als eine neue, die dritte Phase des jüdischen Stammes und somit auch des Iudenthums, wie dieses Factum auch den völlig veränderten Geist, die völlig umgewändelten Zustände der Völker selbst voraussetzt; sie erkennt daher als ein Gebot der Nothwendigkeih als ein Gebot, das die göttliche Vorsehung selbst dictirt hat, die Umgestaltung des . concreten Iudenthums nach diesen neuen Lebensverhältnissen und diesem neuen Geiste an, ganz wie der Talmudismus das mosaische Gesetz für die Verhältnisse der Zerstreuung. und nach dem Geiste dieser zu bewerkstelligen ^berufen war. Fest auf dem Boden des Mosaismus und des Prophetismus sucht sie, diese Umgestaltung zu bewirken und erkennt hierzu den Talmud als den Faden, von welchem sie fortspinnend ausgehen muß und dessen Geist den. Führer auf diesem schwierigen Wege abgibt, an, nicht aber die Autorität des Talmuds und die unbedingte Verpflichtung auf seine Satzungen. Ja,.. im Weitergehen tritt sie dessen Aussprüchen auch entgegen und löst, sich von seinen Bestimmungen ab. In der Tiefe liegt hier zum Grunde, daß man zum Textworte der h. Schrift zurückkehrt und hier eine neue Auslegung, ungehindert von der tradirten, unternimmt, um die neuen Lebensverhaltnisse an das schriftliche Gesetz, anzuknüpfen. Ja, man geht noch weiter und glaubt, daß, wie.mit der. Zerstörung des Tempels und der Entfernung aus dem heiligen Lande ein. großer Theil der Gesetzedetails in der heil. Schrift nothwendig außer Kraft kamen, wie der Tempelcultus, die damit zusammenhängenden Reinigkeits^esetze, die. agrarischen Gesetze, der größte Theil der Rechtsvorschriften, die neue Zeit eine gleiche Nothwendigkeit ausübt. Man beruft sich auch auf. das Verfahren des Talmuds selbst, der z. B. die Abgabe der Zehenten,des. Landbauertrages an die Leviten in einen Zehenten für bie, Armen verwandelte. Man kann nicht verkennen, daß, wenn die wenigsten Theologen in der Theorie so weit gehen, doch eine sehr große Zahl der Juden in. den westlichen Ländern in der Praxis, z. B. betreffs der-Speisegesetze, auf diesen Boden sich gestellt haben. — Aber .es gibt noch eine dritte Kategorie. Diese erachtet, daß im Pentateuch Religiöses und . Politisch es, vereinigt, das letztere aber nur für den Bestand des jüdischen Volkes im heiligen Lande bestimmt, daher für die Jetztzeit beides zu trennen und alles Politische aufzugeben sei. Hiermit glauben; die Anhänger dieser Meinung alles . Gesetzliche entfernen zu können und es bleibt fürsie^ außer einigen allgemeinen Sätzen der Lehre und Sittlichkeit nichts von dem concreten Judenthume übrig, außer daß sie für den Gottesdienst sich noch an die eingesetzten Feste halten, obfchon diese zu, einem großen Theile das nationale Moment vorwiegend zum Inhalt haben. Wir brauchen nur anzudeuten, daß hiermit selbst der Lehrinhall des Iudenthums sich zu einigen Allgemeinfätzen verflöchtet und das ganze Wesen desselben mitten durchgespaltet wird. Man macht hier den Mosaismus zu einer Religion des. Iudenthums, während er das religiöse Individuum nur in der religiösen Gesellschaft,. Pflicht und Recht des Individuums nur in einer Gesellschaft der Pflicht und des Rechts, anerkennt. Nicht , soll die Religion politisch sein, aber die Politik religiös, und so. gut die Religion die höchsten Principien und Sittengesetze für das Individuum verkündigt,"muß sie es auch für die Gesellschaft. Die. Zeit ist daher gerade über diese Kategorie-schnellhinweggegangen und obschon sie anfangs sehr laut willkommen geheißen worden, hat; sich ihre, Anhängerzahl bald , wieder vermindert. — Daß hierüber hinaus es auch Juden gibt, welche der; positiven Religion ganz fremd, wenn nicht gar feindselig! geworden, factisch oder theoretisch oder beides zugleich; dem Materialismus sich ergeben haben, ist bekannt und können wir diese nicht als. eine Richtung im Judenthume betrachten. Sie sind Namensjuden, die auch dieses nur entweder aus Verhältnissen verbleiben oder, dem Christenthume noch widersprechender gesinnt, ihrer Gesinnung getreu, eine Unwahrheit nicht bekennen wollen. Kehren wir nun zu dem Anfänge dieses Artikels zurück und betrachten die jüngsten Vorgänge etwas genauer. (Fortsetzung folgt.) Alzey, im Januar. K Sollen Witwen?u den Gemeindesteuern Herangehen werden? Ein sehr geachteter Rabbiner gab im vorigen Jahre ein Gutachten über diese Frage ab und verneinte dieselbe. Er wird ficherlich es nicht als einen Act. der Gegnerschaft ansehen, wenn wir seinen Ansichten entgegentretem Wir mißbilligen nämlich die sklavische Abhängigkeit von den rabbinischen Entscheidungen der Vorzeit. Für diese Zeit waren die cultuellen wie socialen Ver-