Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 29 (1865)
- Issue
- Heft 3 (17.1.1865)
- Date
- 1865-01-17
- Page
- Seite 42 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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: Corresporr-enz. Briefe eines Chinesen. ^l- ----- - Vergleichende Betrachtungen über jüdische Zustände und jüdische Literatur. Aus China, aus dem Lande, wo der Thee wächst und wo man chinesisch spricht, schreibe ich Ihnen, mein theuerster Redacteur; wenn Sie Muth haben, sagen Sie öffentlich, daß meine Correspondenz Sie nicht interessirt. Nicht nur gesteinigt zu werden, sind Sie bedroht, sondern sogar zur Zeitungsgaleere werden Sie verurtheilt, wo Sie von Frage» und Ausrufungszeichen bewacht, von runden und eckigen Klammern umgeben und mit lauter sie gefüttert werden. Sie waren vielleicht noch nie so hart verurtheilt und werden die berühmte trockene Galeere gar nicht kennen^ ich mache keinen Spaß. Die Zeitung erscheint in der That in Berlin, und beschäftigt sich hauptsächlich mit dem jüdischen Buchhandel;- sie erscheint gottlob nur alle zwei Monate.*) -Wenn zu wenig jüdische Bücher in diesem Lapsus erscheinen und der Redacteur zu wenig Titel hat, um das'Blatt auszufüllen, so bekommt er Schwindel, wird seekrank, und Sie wißen, was die Folgen dieser Krankheit, sind; auf solche Weise wird das jüdische Publicum bedient (!,?—. (siehe mich) sic,,“) rc. und die Leser werden ebenfalls sehkrank. — Also wie gesagt, Briese aus diesem Lande müssen für jedermann von Interesse fein, die Gegend ist so weit von uns und das Ferne bietet uns immer etwas Neues. Die Gebirge im Monde erregen allgemeines Interesse, wenn sie vielleicht auch nicht halb so hoch sind als die Alpen, weil nicht jedem langbeinigen Engländer Gelegenheit geboten wird, sie zu besteigen. Die orthodoxe Spaltung in Frankfurt und Mainz (y^yiswa sn'itn), die in Europa nur wenig oder gar keine Bedeutung hat, macht bei uns in China Aufsehen. Es kann vielleicht auch daher rühren, daß die Vorsteher oder Anführer dieser Spaltungen ebenfalls Zöpfe wie wir haben; dies Frankfurt ist doch eine merkwürdige Stadt, es ist ein Museum von Zöpfen, der große' deutsche und der kleine jüdische Zopf Hausen hier. Eine zoologische Erscheinung ohne gleichen birgt diese Stadt, einen Hirsch ohne Weihe und *) Was für ein Blättchen meint denn der Hr. Chinese? Etwa beti Maskir? Der Setzer. mit einem Zopf; hinwieder ist seit kurzer Zeit ein tüchtiger Friseur dahin berufen, der zwar den 'jüdischen Zopf nicht auf einmal auswurzeln wird, aber allmählich durch dessen hinreißende Reden und ausgezeichnete Vorlesungen über die Bedeutung des Juden thums, eine geschickte zugerichtete geistige Pomade, den Zopf zum Ergrauen und zum allmählichen Ausfallen bringen wird. Und welche Seltenheit, Eindrücke über europäischjüdische Zustände einem Chinesen zu erfahren! — Bevor ich nun mit WmDr eigentlichen Beschreibungen anfange, muß ich Sie, theuerster Doctor, und im Falle Sie die unglückliche Idee hätten, meine Briefe der Oeffentlichkeit zu übergeben, auch die geduldigen Leser um Entschuldigung bitten, wenn sich in diesen Aufsätzen so mancher ChinesismuS (nach H. Steinfchneider's Holl ä n d i s m u s gebildet) ein schleicht. Sie müssen mich wohl verstehen; ich meine nicht in Hinsicht der Sprachregeln, um hierin zu fehlen, braucht man nicht Chinese zu sein; dies kommt sehr oft in deutsch-jüdischen Blättern vor und besonders wenig selten im ‘-pafft (welches Blatt eigentlich richtiger -tsiöio heißen sollte, da die Redaction ihre Kritik meist vermiethet); hinsichtlich der Aufzählung und Auffassung mancher Dinge bitte ich immer meine chinesische Abkunft im Auge zu haben.^ Wir Orientalen haben noch wunderliche Ansichten und sind noch lange nicht so weit, solche scharfsichtige Recensenten, wie im Occidente, zu besitzen; auch wissen wir dieselben zu schätzen. Sie werden z. B. aus einer späteren Correspondenz erfahren, welche Aufmerksamkeit dem unbedeutendsten jüdischen Blättchen, durch welches man erfährt, wie viel Druckfehler in einem Buche vorhanden sind oder wo hie und da in kleineren Revuen (denn größere literarische Revuen sind der Redaction jenes Blattes, zum Theil der hohen Preise halber oder weil Arbeiten dort vorhanden sind, die der Redacteur ignoriren muß, fast unzugänglich in Berlin) etwas über Juden vorkommt, zu Theil wird. Für den Augenblick muß ich Sie mit manchen schwierigen Fragen (in religiöser Beziehung), die bei uns vorgekommen, bekannt machen. Ich weiß nicht, ob es Ihnen bekannt ist, daß im Innern Chinas ein jüd. Reich besteht; der Name desselben ist so schwierig zuEanfcribiren, so daß ich ihn noch einmal versuchsweiseHrben will (im Reisebuch des gottseligen Reisenden Benjamin ll. kommt von dieser Provinz nichts vor; auch im Catalogus librorum hebreorum der bodleianischen Bibliothek in Oxford, wo so manches Chinesische