Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1865-01-17 · Heft 3 (17.1.1865) · p. Seite 33

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
29 (1865)
Issue
Heft 3 (17.1.1865)
Date
1865-01-17
Page
Seite 33 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3226473-3226477--22741-3250010
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Gesetz ($rtv 1), die National-Souveränetät (Art. 3), die Gewissensfreiheit (Art. 10), die Preßfreiheit (Art. 11), die Gleichheit der Besteuerung (Art. 13), die Trennung der Gewalten (Art. 1b), lauter Principien, die im Syllabus und in. der Encyklica verdammt werden."-7- Aber noch mehr, auf einen Beschluß des französischen Staatsrathes hat die Regierung jede Veröffentlichung der' Encyklica auf kirchlichem Wege, jede Mittheilung durch die Bischöfe an ihre Diöcesanen, jede Erwähnung derselben in ihren Hirtenbriefen, jede "Besprechung derselben auf der Kanzel strengstens verboten. Dieser Act der Verwerfung wird dadurch noch bedeutsamer, als die Encyklica in Art. 20 und 28 es fürl nicht minder verdammungswerthe Jrrleh» ren erklärt,, daß die päpstlichen und bischöflichen Erlasse einer Genehmigung von seiten der Obrigkeit bedürfen. Endlich hat bereits der französische Minister des Auswärtigen eine scharfe Note an die päpstliche Curie gerichtet. Demungeachtet sehen wir die Dinge nicht so.rosenfarbig an, wie sie aus .diesen-Kundgebungen heraus erscheinen mögen. Wenn auch auf dem Gebiete der Gesetzgebung und des staatlichen Lebens Einwirkungen nicht zu befürchten , sind, so gibt es doch im praktischen Leben noch.tausend andere Kanäle, durch welche die von neuem als Axiome der katholischen Kirche proclamirten Grundsätze ihren nadaltigen Einfluß üben können. Wir haben uns nicht zu leugnen, daß der confessionelle Geist in vielen Regionen wieder zu einer solchen Schärfe und Energie Heraufgetrieben worden ist, daß diese Thatsache in der Encyklica eben nur ihren-wörtlichen Ausdruck hat, in der That aber schon lange wieder mehr oder weniger sactisch sich geltend macht. Führen wir hierfür nur ein Factum an. Vor 74 Jahren, bemerkt das Journal des Debats, nämlich am 10. März 1790, habe der Papst sich in einem Breve gegen die bürgerliche Verfassung des Klerus ausgesprochen und die Gleichheit, wie die Gewissens-, die Preß- und die politische Freiheit als „monströs" verdammt. Damals halten die Bischöfe der constituirenden Versammlung, die fast sämmtlich auf der Rechten gesessen, durch ein Schreiben geantwortet, worin sie gegen die politischen Ansichten des heiligen Stuhles Vorbehalt nahmen und sich für ihre Personen für die großen Ideen aussprachen, welche die Säulen der neuen Staatsverfassung bildeten. Das Jahr 1865 werde Aehnliches. wohl nicht erblicken, meinen die Debats, wenn man sich erinnere, daß die 1862 in Rom versammelten Bischöfe in einer Collectiv-Adreffe wörtlich sagten: „Es ist nöthig, daß wir alle Ihre Gefühle theilen." Die Encyklica vom 8. Dec. nehme die Unterzeichner jener Adresse beim Worie j sie fordere sie ausdrücklich auf, die Lehren'der' Encyklica zu lehren, zu predigen und zu verbreiten, wie für die achtzig Verdammungssätze zu kämpfend — Wer die Augen offen hat, wird diese Ansicht des citirten Blattes theilen^ Es gibt jetzt»keinen Staat, in welchem nicht offenkundige Thatsachen erweisen, daß der gegenwärtige Klerus von diesen Gesinnungen beseelt ist und sich leiten und beherrschen läßt. Wir brauchen nicht einmal nach Belgien zu sehen. Ueberall in -Deutschland z. B. wird jetzt die Bildung katholischer Vereine nicht blos zu kirchlichen Und wohlthätigen Zwecken sondern auch zu ausschließlichem geselligen Verkehre, wie katholische- Casinos, Gefellenvereine u. dgl. angestrebt und mit bedeutenden Erfolgen ins Werk gesetzt. Ueberall wird die Spaltung nach den Confessionen, die Absonderung und Ausschließung mit aller Anstrengung erwirkt, bis es sich zuletzt selbst auf dem industriellen Boden bemerkbar macht. Die confessionelle Reaction überwuchert selbst die politische Reaction. Wid weit dieser Einfluß sich noch ausdehnen, wann dieser sich selbst übertreibende Geist den Gegensatz zu sich Um so nachdrücklicher wieder Hervorrufen werde, kann niemand jetzt sagen. Genug, daß seine Symptome gar zu offen an den Tag treten. Eine andere Wirkung dieser Tendenz ist, daß auch in anderen Kirchen eine ähnliche Richtung nach schärfster und schroffster Entwickelung des ausschließlichen Dogmas bewirkt wird. Auch in der evangelischen Kirche fühlt man um so mehr den Drang, sich kirchlich als eine scharf abgesonderte Glaubenseinheit hinzuftellen, und die Geistlichkeit fühlt sich ebenso bewogen, gegen jede anderweitige Religionsmeinung Front zu machen. Es gab vor kurzem noch eine Zeit, wo von manchen Seiten eine Nivellirung der Religionsparteien angestrebt und der Versuch, das Wesen aller Religionen als ein und dasselbe, die Unterschiede als unbedeutend hinzustellen, gemacht wurde. Wir haben derartige Schriften von evangelischer wie jüdischer Seite. Wurde uns doch, als wir vor 2 Jahren die Contraste und Gegensätzlichkeiten zwischen Christenthum und Judenthum in d. Bl. eingehender behandelten, vorgeworfen, daß wir uns hierbei an Dogmen hielten, die in solcher Gestalt längst aus dem Leben geschwunden und nur von den äußersten rechten Seiten noch bekannt würden. Kam es doch oft genug vor, daß Juden ihren Uebertritt damit entschuldigten, daß die alten Glaubensbekenntnisse der Kirche jetzt ganz ohne Bedeutung wären, und fanden sich denn auch evangel. Prediger, die ihnen 3*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.