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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1865-01-10 · Heft 2 (10.1.1865) · p. Seite 20

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
29 (1865)
Issue
Heft 2 (10.1.1865)
Date
1865-01-10
Page
Seite 20 (sequence 6)
Language
German
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20 lock."*) Im entgegengesetzten Falle aber, d. h. wenn eine große Seele jene Leidenschaften überwältige und ihrem Glauben die Tugend abringe, werde und müsse noth« wendigerweise nur ein „Nathan" entstehen. Und was läge nun näher, als daß ein „Nathan" als die „personificirte Toleranz", die „verkörperte Duldung" aus dem Judenthume nur hervorgehen könne? Dem Christen sei ja, wie bereits bemerkt, die „Duldung" kaum als Verdienst anzurechnen. — Wir lassen es dahingestellt, ob die angeführten Gegensätze in allen Punkten richtig und stichhallend. Eins nur wollen wir bemerken, daß es jedenfalls originell, auf diesem Felde und in dieser Weise den „S Hy lock" dem „Nathan" gegenüberzustellen. Sind auch diese beiden Gestalten wirklich „Antipoden", verhalten sie sich auch in der That wie Nord- und Südpol zueinander, so muß doch ebenso zugegeben werden, daß „Shylock" nur ein Phantom, ein dichterisches Phantasiegebilde, während das Bild des „Nathan" bei all seiner Größe und Erhabenheit doch nicht so ganz entfernt ist von dem „wirklichen Leben."— Der große Shakespeare würde sehr gesündigt haben, wäre er nicht dadurch zu entschuldigen, daß er in seinem unnatürlichen „Shylock" nichts weiter als eine „theatralische Figur" hat schaffen wollen. Dasselbe von Lessing in Bezug auf seinen „Nathan" anzunehmen, wäre aber jedenfalls sehr thöricht. — Zum Schluffe sei hinsichtlich der beiden Literaten Rönnefahrt und Bischer noch bemerkt, daß jener mehr den „Nathan des Verstandes", dieser mehr den „Nathan des Herzens" erläutert. L. Weyl. *) Diese Auseinandersetzung des ausgezeichneten Aesthetikers ist ganz logisch und folgerichtig — aber das Leben und die Wirklichkeit geben sehr oft ganz andere Erscheinungen, als sie aus bestimmten Voraussetzungen logisch und folgerichtig erwartet werden. Nicht als ob auch im Leben und in der Wirklichkeit Logik und Folgerichtigkeit nicht vorhanden wären, sondern weil in denselben die Ursachen niemals so einfach und so einseitig sind, wie wir sie voraussetzen. Die Wirkungen fallen daher öfter entschieden anders ans, als das Raisonnement, und wäre es noch so folgerichtig, schließt. Niemals war unter den Juden eine solche Leidenschaft, ein solcher Haß und Rachedurst vorhanden, wie sie aus den Voraussetzungen des schmählichsten Druckes erwartet und gefolgert werden, niemals hat es in der Wirklichkeit unter den Juden einen Shylock gegeben. Wir fordern jeden auf, uns ein geschichtliches Beispiel anzuführen. Und fragt man, warum nicht? so wird der tieferblickende Psychologe sagen, daß in einem unterdrückten Volksstamme jeder freie Zeitungsnachrichten. Deutschland. Hamburgs 26. December. Ein Geschenk von seltener Liberalität, nämlich die Summe von 500,000 Thaler Crt. hat Herr CarlHeine in Hamburg dem von seinem verstorbenen Vater Salomon Heine auf St. Pauli gegründeten israelitischen Krankenhause gemacht. Preußen. Aachen, 28. December. (Privatmitth.) Nachdem der hiesige Synagogen-Gesang während mehr als 18 Jahren von einem Harmonium begleitet worden, wurde am verflossenen Sabbath zu Ehren des Chanukkafestes eine große und prächtige Orgel eingeweiht, welche die sehr zahlreich versammelte Gemeinde aufs höchste erbaute. Obgleich der Gottesdienst sich bis zur Mittagsstunde ausdehnte, währte derselbe doch niemandem zu lange, weil unser treffliches Synagogen-Chor eine herrliche Cantate von Rosenheim in Paris mit großer Präcision und Orgelbegleitung vortrug. Sonntag Abend wurde dem Chorpersonale ein schönes Fest bereitet, welches die Mitglieder in Lust und Freude vereinigte. Bei dieser Gelegenheit wurde seitens des Herrn Rabbiners und des Vorsitzenden des Moment, jeder Act der Erleichterung, jeder Zeitraum der Sicherheit so viel Freude und Erhebung mit sich bringt, daß der Haß selbst in Dankbarkeit sich verwandelt und die Leidenschaft sich beschwichtigt) er wird bemerken, daß, wenn jener Druck viele Geschlechter befaßt, die Gewöhnung das Gefühl des Unwillens abschwächt, jenen fast als natürlich erscheinen läßt) er wird endlich nicht außer Acht lassen, daß die Furcht, nur noch größere Verfolgungen hervorzurufen, den zur Rache erhobenen Arm sinken läßt und das Herz zum ruhigen Dulden, den Verstand zum besonnenen Nachgeben stimmt. Die Veraussetzung Vischer's, daß die an den Juden verübten Gräuel den Rachedurst derselben Hervorrufen mußten, ist darum falsch, weil einseitig; da alle die von uns aufgeführten Momente und noch andere als Ursachen influirten und darum eine ganz andere Wirkung aus ihnen hervorging: es gab keinen Shylock unter den Juden. Ein solcher ist nur unter persönlichen Sklaven, unter mißhandelten Sklaven zu finden, und dies waren die Juden nie. Die Redaction.

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