Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 29 (1865)
- Issue
- Heft 2 (10.1.1865)
- Date
- 1865-01-10
- Page
- Seite 19 (sequence 5)
- Language
- German
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gen theils sophistischen Kleinigkeitskram theils überschwengliche Thorheiten einzuschmuggeln sucht. Es versteht sich, daß die aufrichtigen Orthodoxen hiervon nichts wissen wollen. Aber auch hiermit ist die Partei noch nicht völlig geschildert; denn jetzt kommen erst die Nüancen, welche von der Orthodoxie bis zu der Partei führen, welche der Entwickelung auf geschichtlichem Boden aufrichtig zugethan ist. Wir meinen diejenigen, welche, obschon sie der neueren Wissenschaft und Kritik angehören, doch gern den Orthodoxen zugesellt werden möchten, welche geschichtliche Forschung und Kritik anstreben, aber verlangen, daß diese vor gewissen Haltpunkten stehen bleiben; welche der modernen Bildung ihre Berechtigung nicht absprechen, aber doch festhalten wollen, was nur irgend noch zurückgehalten werden kann. Es gibt unter diesen sehr aufrichtige Männer, wenn sie auch den Schein der Zweideutigkeit nicht ganz von sich fernhalten können, Männer, welche, vom wissenschaftlichen Triebe erfüllt, doch von dem Umstande, daß der Jndifferentismus unter unseren Glaubensgenossen so vielen Raum gewonnen, sich sehr schmerzlich berührt fühlen und darum die Masse am liebsten in der alten Verfassung zurückhielten; sie wollen vom Alten retten, was sich retten läßt. Aber es ist nicht zu leugnen, daß wir auf diesem Standpunkte viele finden, die aus ganz anderen Motiven sich nach dieser Richtung halten, Motive, die unedler Art sind und die wir hier nur andeuten wollen. Denn oft sind es hier nur die Stellen, von denen sie sich über den einzuschlagenden Weg bestimmen und wohl auch von einer zur andern Seite ziehen lassen. Betrachten wir nun auch die andere Seite. (Fortsetzung folgt.) Literarischer Wochenbericht. Frankfurt a. d. O., 18. December. Noch einmal „Nathan der Weise." Vor kurzem erst haben wir — und wenn auch nur stüchtig — in diesen Bl. über ein Werk referirt, das sein Verfasser, der Professor I. G. Rönnefahrt, dem Lessing'schen „Nathan" gewidmet. Heute haben wir wieder über eine den „Nathan" behandelnde Schrift zu berichten. Sie hat den rühmlich bekannten Literaten Kuno Bischer in Jena zum Verfasser, der sich die Aufgabe gestellt, „Idee und Charakter der Lessing'schen Dichtung" zu erklären. Jü den Vordergrund gedrängt ist die Frage, „warum Les-' sing seinen Nathan gerade zum Juden gemacht?" — und so wollen wir uns eben nur mit dieser „Frage" — oder vielmehr mit der vom Verfasser auf sie gegebenen „Antwort" — hier beschäftigen. Die eigentliche Pointe der letzteren oder — wenn man will — ihre Quintessenz liegt in dem schneidenden Unterschiede, den dn Verfasser zwischen dem „Christen" und dem „Juden" macht. Die „Toleranz" des Christen sei kaum ein Verdienst, die des Juden aber immer eine „hohe Tugend." —-- Warum Lessing seinen „Nathan" zum Juden gemacht? Weil er, wenn er dies nicht gethan, sich — wie Verfasser behauptet — eines „großen poetischen Fehlers" schuldig gemacht hätte. Wolle man dies richtig begreifen, so brauche man weder ,-Lessing's Freundschaft mit Moses Mendelssohn" noch das „Judenfreundliche" der Lessing'schen Zeit überhaupt in Anschlag zu bringen, vielmehr sei es nur nöthig, gründlich den „Charakter" zu verstehen, der uns von dem Drama vorgeführt würde. Und der Charakter des „Nathan" sei ein solcher, in welchem die „Duldung" aus der „Selbstverleugnung" hervorgegangen, ein Charakter, in welchem die „Duldung" zur eigensten, innersten „That", also im wirklichen Sinne des Wortes zur „Tugend" geworden. •— Leicht sei es, „tolerant" zu sein, wo niemals Grund zum „Gegentheil" vorhanden. Darum könne, wie gesagt, dem Christen die „Toleranz" kaum als Verdienst angerechnet werden. Anders jedoch, ganz anders bei dem Juden. Und nun kommt Vers, auf die Widersprüche oder richtiger: die einander gegenüberstehenden Elemente im Innern des Juden. Und welches sind diese? Das stolze Bewußtsein und das Gefühl des Drucks von außen. — Der Jude gehöre einer Religion an, welche die „stolzeste", aber auch zugleich die „unterdrückteste'" unter allen Religionen des Erdenrundes. Dem Juden gestalte seine Religion, sich für „auserwählt von Gott" zu betrachten, während die Welt ihn dazu verdamme, sich „von den Menschen verachtet und verworfen" zu sehen. Unterliege nun seine Seele diesem „zwiefachen Drucke", so werde sie sich — nach dem natürlichen Laufe der menschlichen Leidenschaften ganz in Haß und verbissenem Ingrimm .verzehren und in ihr sich ein Rachedurst entzünden, der dämonisch würde, ja in niedrigen Naturen so b e st i a - lisch wüthete, daß er das Fleisch vom Herzen des Feindes losrisse, und Ware es auch nur, um „Fische damit zu ködern." Auf diesem Wege käme es zn einem „Shy-