Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 29 (1865)
- Issue
- Heft 2 (10.1.1865)
- Date
- 1865-01-10
- Page
- Seite 18 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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18 nur auf alle früheren Jahrgänge dieses Blattes zmückzuweisen, um zu zeigen, daß wir stets nur die G e - s'ammtheit im Auge hatten,' für die Gefammtheit zu arbeiten, zu streben und zu erreichen suchten, daß wir alle Erscheinungen vom, objectiven Standpunkte zu erfassen und zu beurtheilen. uns müheten und alles Gute, woher es auch kam, würdigten. Aber allerdings standen wir niemals an, Stachel und Geißel da anzuwenden, wo der blinde Fanatismus sich auch unter uns regte, auch durch unsere Glaubensgenoffenschaft seinen verpesteten Hauch strömen ließ; unumwunden und mit aller Kraft erhoben wir uns da, wo die Religion zum Deckmantel persönlicher Leidenschaften, persönlicher Herrschgier gemißbraucht, wo die Frömmigkeit zur Frömmelei und zur Maske schnöden Eigennutzes verbraucht ward, wo Zanksucht und Lust an Hader und Zwiespalt ihre giftigen Saaten streuten. Wo. es nur ging, gingen wir dergleichen aus' dem Wege, übersahen und ignorirten es, so lange es sich um locale und persönliche Interessen handelte; da aber, wo es einen Einfluß auf die Allgemeinheit.'zu gewinnen trachtete, hielten wir Schweigen für Pflichtwidrigkeit. Von dieser Ansicht geleitet, werfen wir einen Blick auf die Partei der Stabilität. Bis auf die jüngste Zeit war diese in sich geschlossen und einheitlich. Sie umfaßte eben die, welche in Denken, Fühlen und Leben auf dem Standpunkte des unveränderten, alten Judenthums standen. Jetzt ist es anders geworden und die Entwickelung der Verhältnisse brachte auch in sie Nüancirungen und.Spaltungen hervor. Gebrauchen wir einmal, so wenig wir der Gewohnheit ein Recht zuschreiben, des usurpirten Namens, so haben wir zunächst die wirklichen Altorthodoxen, die besonders im Osten Europas noch sehr zahlreiche Vertreter haben. Bei ihnen hat sich nichts geändert. Wie ihre Gewänder, ihre Sprache und ihre ganze Lebensart, die aus dem Mittelalter überkommen sind, so besteht ihr Wissen, ihr Studium, ihr Denken und Fühlen noch gänzlich in dem rabbinisch-talmudischen Kreise. Hier ist kein Wanken und Schwanken, die Zeit ist für sie stehen geblieben, ihre Ueberzeugung ist aufrichtig, ihre rabbinische Gelehrsamkeit umfassend; gegen die Einwirkungen von außen schützen sie sich durch alle mögliche Abwehr und Zurückweisung. Ihnen zunächst stehen die Altorthodoxen in Mitteleuropa, deren Zahl in Deutschland bereits sehr zusammengeschmolzen; in ihrer äußeren Lebensart haben sie vielfach nachgeben müssen, aber in ihrem aufrichtigen Hängen am Alten schließen sie sich, in ihren beschränkten Gesichtskreis ein und wollen wenigstens für ihre Personen ungestört in ihrer Weise bleiben. Ihre Kinder fteilich lassen sie die öffentlichen Schulen besuchen, öffnen ihnen mehr zugestehend als absichtlich die Wege der Bildung, bestimmen sie für moderne LeLensberufe und trösten sich gewöhnlich damit, daß sie sie strenggläubig'erzogen haben und für das, was sie in Zukunft thun werden, nicht einstehen können. Hierauf folgt das uachgewachsene Geschlecht, das bereits aus den Kreisen der aufrichtigen alten Orthodoxie herausgeschritten ist. Diese Männer haben auf Gymnasien und Universitäten studirt, der alten und modernen Literatur mehr oder weniger abgelegen; sie sprechen ein reines Deutsch, kleiden sich sogar oft elegant, haben sich meist mit dem Doctortitel geschmückt und verdienen so den ihnen beigelegten Namen der Neuorthodoxen. Es ist schon vorauszusetzen, daß diese in sich einen völligen Widerspruch enthalten, der um so erkennbarer ist, als sie jede Vermittelung, jede Ausgleichung und innere Verschmelzung für sich und für das Judenthum zurückweifen und, weil sie ihre Schwäche hierin fühlen, laut verurtheilen und noch lauter verketzern. Sie wollen das alte Judenthum unverändert festgehalten haben und sind doch-weit von demselben entfernt; sie lesen und schreiben deutsch, sie beanspruchen bedeutendes profanes Wiffen, und ihre rabbinisch-talmudische Gelehrsamkeit steht aus den schwächsten Füßen; sie verwerfen jede Entwickelung und jede wissenschaftliche Bearbeitung des Iudenthums, und ziehen doch aus diesen die geringen Kräfte, die sie besitzen und verwenden; sie wollen das ganze alte Judenthum, und doch predigen sie, führen Chorgesänge ein und wollen den Gottesdienst ruhig und geordnet; sie sind wahre Zwitterwesen, werden als solche von den Allorthodoxen angesehen und thunlich zurückgewiesen und haben alle Schwächen solcher Geburten einer in sich noch unfertigen Zeit. Aber selbst in dieser Kategorie findet eine Spaltung statt. Die einen wollen lediglich auf dem Boden des 8c!nlleban Aruch verbleiben, die Satzung einfach nehmen, wie sie verzeichnet steht. Die anderen wollen höher hinaus; sie wollen dem alten Minhag einen neuen Geist, ein neues Leben einflößen. Auf dem Wege der vernünftigen Forschung und Kritik können sie hierbei nicht wandeln, denn dieser würde sie dahin führen, wohin sie nicht wollen. Sie müssen sich demnach ein romantisch-phantastisches Gebäude aufführen, das sie mit bunten Farben zu bemalen haben. Es. ist ein gemachter Geist phantastischer Exegese, die den ehrwürdigen Satzun-