Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 29 (1865)
- Issue
- Heft 1 (3.1.1865)
- Date
- 1865-01-03
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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3 In der Betrachtung unseres Gegenstandes bietet sich im allgemeinen eine zwiefache große Zeitperiode dar: die biblische und die nachbiblische: nicht etwa blos den Urkunden und der dogmatischen Auffassung nach, sondern dem inneren Geiste und Charakter gemäß. Für die biblische Zeit werden sich wieder zwei Epochen ergeben, von denen die zweite mit der Zeit David's und Salouion's anhebt. Teber die jüngsten Bewegungen im Judenthume. Die jüngsten Bewegungen im Judenthume sind nicht in Deutschland sondern Ln Ungarn vor sich gegangen. Ihr Gegenstand war die Messiaslehre und die Gründung eines Rabbiner-SeminarS für Ungarn. Man sieht, ein sehr theoretischer und ein sehr praktischer Gegenstand. Indem wir später auf die Tendenz in diesen Acten näher eingehen werden, bemerken wir hier vorläufig, daß, wie bekannt, seit etwas über ein Jahrhundert sich zwei Parteien gegenüberstehen und bekämpfen: die der unbedingten Stabilität im Judenthume und die der Entwickelung. Wie es in der Natur der Entwickelung liegt, zeigten sich auf dieser Seite verschiedenartige Nüancirungen. Aber die jüngsten Bewegungen erwiesen — und dies ist ein besonderes Resultat, das wohl beachtet werden muß,— daß auch die Stabilitätspartei, die sich gern die „orthodoxe" nennt, nicht minder in sich gespalten und von sehr verschiedener Färbung ist. Seit dem Beginn dieses Streites sind die Verfechter der Stabilität mit solgenden Kundgebungen hervorgetreten. Sie haben die Pentateuchübersetzung Mendelssohn's verdammt und verbrannt; aber diese verbreitete sich um so mehr und erlangte eine desto größere Autorität und Wirksamkeit. Sie verurtheilten den Hamburger Tempel; aber dieser besteht noch heute und mehr oder weniger gleicht ihm jetzt die Mehrzahl der deutschen Synagogen. Sie erließen einen Protest gegen die erste Rabbinerverfammlung, unterzeichnet von einigen wenigen bekannten und einer größeren Zahl völlig unbekannter Rabbinen; aber es folgten noch zwei Rabbinerversammlungen und nur das Revolutionsjahr 1848 brach die Fortsetzung derselben ab. Ein gleicher Protest wurde gegen die israel. Bibelanstalt geschleudert, aber auch dieser verflatterte in der Luft und die Anstalt hat bereits nahe 60,000 Exemplare ihrer Ausgaben in die Hände des Publicums geliefert. Mit gleichem Erfolge erging ein Protest aus demselben Lager gegen die Aussagen der Herren -Mannheimer und Horwitz im Kompert'schen Processe; denn er blieb ohne alle Beachtung. Endlich agitirten sie gegen die Gründung eines ungarischen Rabbiner-Seminars und behinderten diese in der That. Diese Männer hatten also mit allen ihren Manifestationen gerade dasselbe Resultat, wie ihre Väter gegen Maimonides, und fragt man, wie so sie gerade in dem letzten Act ihr Ziel erreichten, so ist dies eben charakteristisch. Jenes Seminar war von der Staatsregierung beabsichtigt und aus Mitteln herzustellen, welche zwar von den Juden herstammten, aber doch der Staatsverwaltung unterstanden. Hier konnten nun Motive angeregt und geltend gemacht werden, welche bei der Regierung Eingang fanden und die in diesem Bl. genügend besprochen worden; überhaupt aber mußte der über diesen Gegenstand vorhandene und sich von allen Seiten kundgebende Zwiespalt die Regierung vorerst abschrecken. Also nur bei einer von außen kommenden Angelegenheit vermochten die Verfechter der Stabilität zu reussiren; überall aber, wo eine Erscheinung aus dem Schoße der jüdischen Masse und des jüdischen Lebens hervorging, blieben sie völlig unbeachtet; das Gedächtniß ihres Widerstrebens ist nur noch in Einzelnen vorhanden; Leben, Wissenschaft und Geschichte gingen darüber hinweg. Suchen wir nach dem, was sie im wirklichen Leben hervorzubringen suchen, so gewahren wir. daß sie nach Spaltung und Separirung innerhalb der Gemeinden streben, überall für ihre Anhänger gesonderte Gemeinden mit Gottesdienst und Cultusbeamten herzustellen alle Minen springen laffen. Auch in dieser Beziehung haben sie nur einen geringen Erfolg gehabt. So wenig wie es der radicalen Reform gelang, zahlreiche Separatculte herzuftellen, ebenso wenig gelang es den Verfechtern der Stabilität, wobei es aber wohl zu beachten ist, daß die ersteren sich niemals von der Muttergemeinde trennen und nur eben ihren besonderen Gottesdienst haben wollten, wahrend die letzteren, wenn es das Landesgesetz erlaubte, ganz selbständige, in allen Instituten getrennte Gemeindchen zu bilden sich an strengen. Wir sehen daher einerseits in Hamburg den sog. Tempel, in Berlin die sog. Reform für sich bestehen; doch erhält der erstere eine Subvention von der Muttergemeinde; ob dies bei der zweiten auch der Fall ist, ist uns im Augenblicke nicht genau bewußt.' In Breslau, wo beide Parteien sehr zahlreich sind und der Gottes- 1*