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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1865-01-03 · Heft 1 (3.1.1865) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
29 (1865)
Issue
Heft 1 (3.1.1865)
Date
1865-01-03
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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ihren Gebeten zu beobachten, zu erforschen, und es wird sich da von ihrem Geiste viel mehr kund thun. als in allen WrmulirteN Dogmen, aus den Erörterungen ihrer Relißionslehrer, aus ibren Lehrbüchern, unh so bietet sich der Complex de§ Gebete, die aus einem'Zeitalter uns überkommen, als ein Geschichtsstoff dar, aus welchem wir das Bild jenes in seinen wahrsten und tiefsten Zügen uns herzustellen vermögen, ein Geschichtsstoff, der allerdings in seinen feinsten Nüancirungen ersaßt sein will und wo nicht der Umfang und die Breite sondern oft ein einzelner Zug, ein einzelner Ausspruch den echten Faden des Verständnisses anknüpft. Es charakterisiren sich aus diesem Gesichtspunkte die Gebete allerdings in verschiedener Weise. Das Gebet, das sich an ein Lebeusereigniß anfchließt, ist darum kurz, aber bedeutungsvoll. An seiner Wiege steht die Ueberraschung; es springt wie ein elektrischer Funke aus der geladenen Batterie der Seele hervor und kennzeichnet daher in seiner Bündigkeit den ganzen Menschen, oft die ganze Zeit. Dagegen steht es doch wiederum unter der Herrschaft des Moments, unter der Einwirkung der Situation und augenblicklichen Leidenschaft, Momente, welche zwar die Seele in ihren tiefsten Geheimnissen aufdecken, aber in dem Menschen selbst wieder überwunden werden können. Lichter und vollständiger spiegelt daher das aus dem sich sammelnden und gesammelten Geiste hervorgegangene Gebet den ganzen Seelenzustand des Beters; wir sehen hier den Geist in seiner eigensten Werkstätte, in seiner vollsten Thätigkeit; hingegen mischt sich schon die Reflexion, die Erörterung und Erwägung hinein und stellt uns so die Einwirkung von außen gekommener Lehren und Ansichten dar. Bei den Gebeten einer Gesammtheit verschwindet der Einzelne und was ihn bewegt. Denn auch wo die Kümmernisse und Glücksfälle besprochen werden, die den Einzelnen treffen, sind es immer nur solche, die sich im Leben aller wiederholen. Es spiegelt sich hier eben die Gesammtheit ab, in welche alle Einzelnen aufgehen und unter deren Herrschaft sie stehen. Das Individuelle wird hier von dieser Glaubensgenossenschaft, diesem Volk, dieser Zeit gegeben. Es ist aber wohl zu beachten, daß die Gebete für eine solche Glaubensgemeinde meist zu vorgeschriebenen Gebeten werden, die dann als feststehende Gebetformeln, als Pflichtgebete durch viele Jahrhunderte verbleiben. Zuletzt geht die Entwickelung des Mistes in der Gemeinde selbst darüber hinaus; aber es bedarf einer großen Energie dieser Entwickelung und einer langen Zeit, bevor sich die Ge-; '; ' - ■' . 2 v-, : samrntheit dessen bewußt wird, was in dem überkommenen Gebetcomplex nicht mehr mit ihrer Anschauung übereinstimmt, und bevor sie die Kraft gewinnt, Ausscheidungen und Aenderungen vorzunehmen, um ihre Gebete mit ihrem eigenen Geiste wieder in vollen Einklang zu bringen. Es werden daher derartige Gebete mehr als Charakteristika ihrer Ursprungszeit und der Epoche ihrer Annahme durch die Gemeinde gefaßt werden können als für die gesammte Zeitperiode ihres Bestandes im öffentlichen und häuslichen Gottesdienste. Wir unternehmen es nun in diesen Artikeln, den Geist und die Lehren des Judenthums aus den Gebeten desselben zu erforschen und darzustellen. Wir gehen an dieses.schwierige Werk mit all der Weihe und Andacht, welche auf so heiligem Boden den Forscher beseelen müssen. Wir thün es mit dem Bewußtsein, daß unsere Arbeit, da sie sich auf einem noch völlig unbebauten Felde bewegt, nur erst eine mangelhafte, und da sie von dem Raume einer Zeitschrift beschränkt ist, durchaus keine erschöpfende sein kann, wozu denn noch kommt, daß der Umfang des Stoffes allzu groß ist, um ihn so leicht in befriedigender Weise verarbeiten zu können. Wir sagen, daß es ein unbebautes Feld ist, denn so viel auch in neuerer Zeit in historisch-kritischer Beziehung für unfern Gegenstand geschehen ist, so faßte man ihn doch bis jetzt eben nur von der äußeren geschichtlichen Seite auf, was immerhin von großem Verdienste ist, ja uns unfern Weg erst möglich machte. Es können daher die folgenden Artikel nur erst als fragmentarische Einblicke, als ein- * zelne Denkblätter betrachtet werden, die erst spater und durch die Arbeiten vieler zur Vollständigkeit gebracht werden können. Für die Geschichte des Judenthums halten wir aber den Pfad, den wir befchreiten, die Betrachtungsweise, die wir hiermit eröffnen, von großer Bedeutung. Denn es ist nicht zu verkennen, daß bei den großartigen Leistungen auf dem Gebiete dieser Geschichte doch immer noch die Eruirung des Factischen vorwaltet und die Erfaffung des innerlichen Geistes, wie er in der Entwickelung dieser großen, welthistorischen Erscheinung sich manifestirt, noch weniger durchgedrungen hat. Und dennoch leuchtet es ein, daß gerade die Geschichte des Judenthums ihre Wichtigkeit erst in diesem letzteren Momente hauptsächlich erhält, weil sie eben vorzugsweise im Geiste beruht und das Judenthum durch die Ereignisse, von denen es getragen und entwickelt wurde, nur wenig, um so mehr und nachhaltiger durch seinen Geist in den Gang der Geschichte der Menschheit emgriff.

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