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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1862-12-23 · Heft 52 (23.12.1862) · p. Seite 753

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
26 (1862)
Issue
Heft 52 (23.12.1862)
Date
1862-12-23
Page
Seite 753 (sequence 5)
Language
German
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733 Ghettos find gefallen; ihr treibet andere Werkedenket andere Gedanken, redet eine andere Sprache, und wollet doch, daß, wo es euer Vorrecht und euren Vortheil betrifft, die Welt geblieben sei und bleibe wie vor Jahrhunderten. Und ihr vom änderen Extrem, bedienet ihr euch nicht täglichstündlich der großen Institute der Menschheitgenießet das Recht und das Erzeugniß, die aus ihnen gestoffen und immerfort fließenziehet die geistige, : wie leibliche Nahrung aus den Erfchaffnissen der Jahrtausende und was Kern und Haltbares an euch ist, habet ihr diesen zu verdanken.. Fürwahr, was für Phantasien und Ideale rechts und links ihr euch schaffet und als eure Ziele ausgebet, die Einen , leben doch nur von dem, was die Neuzeit hervorgebracht, und die Anderen wurzeln in dem, was die Vergangenheit geschaffen. Es kann also Niemanden entgehen, daß Wahrheit, Recht und Freiheit durchaus nicht in den Extremen liegen, sondern daß diese immer nur irgend ein Moment der Wahrheit des Rechts aus der Totalität heraus gerissen und einseitig, bis ins Aeußerste erweitert und verschärft haben,- wodurch aber selbst dieses einzelne Moment zur Unwahrheit und zum Unrecht wird. Die Entschiedenheit demnach darin setzen, daß man feiner eignen Natur, sei- . ner Anschauungsweise und dem Gange der Menschheit und ihrer Entwicklung zuwider sich dem Extrem in die . Arme werfe, ist ebenso ungerecht wie falsch, und es liegt darin nur ein Beweis der Schwäche und Unselbstständigkeit. Dies erweist sich auch in der Thal, da außer den wenigen Fanatikern des Extrems diesen nur bornirte Köpfe oder Menschen, die einen Vortheil darin suchen, sich anschließen. .Nein! die. Entschiedenheit, und zwar die wahrhafte und gerechte, findet sich wo anders. Entschieden vorwärts gehen, aber entschieden auf dem Boden der Wahrheit und des Rechts, der Freiheit und der Billigkeit; vorwärts gehen an der Hand der Geschichte, nack den Gesetzen der Entwickelung, wie sie sich aus der Vergangenheit herausgestaltet, nach den Bedingungen, welche Zeit und Ort setzen, nach festen Grundsätzen, die man sich weder von rechts noch von links erschüttern läßt; vorwärts gehen, aber nicht für sich allein, nicht für wenige,- sondern für die Gesammtheit und mit ihr — das ist Entschiedenheit, dazu gehört Charakterstärke, vielmehr, als einem entweder verrosteten oder utopistischen Extrem anzuhangen und. um dessentwillen alle Forderungen und Bedingungen der Gegenwart den Willen und das Heil der Gesammtheit auf's Spiel zu setzen. Wer meinem Extrem huldigt, der hat einen Vordersatz willkürlich angenommen, ist nun fertig und abgeschlossen ■—das ist eine schlechte Entschiedenheit. Aber prüfen, forschen, unterscheiden, schaffen, umgestaltendas Vorhandeneverjüngen, das-Bestehende reformirenauf die Zurückgebliebenen einwirken,-und sie vorwärts führen. Brachliegendes urbar machen und-befruchten, und dies Alles mit ausdauernder Arbeit, mit unermüdlicher Anstrengung, mit gleichem Muthe früh und spät— dazu gehört Entschiedenheit, das ist nichts Halbes, das ist die wahre Energie, die^ Erreichbares will und immer zum Ziele führt. Dies ist es denn auch, was wir zum Schluffe dieses Jahrgangs besonders auf jüdisch-religiösem Gebiete unsren Lesern zurufen. Man hat in der jüngsten Zeit versucht, unsren Glaubensgenoffen die Ansicht zu insinuiren, daß man entschieden fein und entweder sich jenen stabilen Orthodoxen, welche sich an das mittelalterliche Judenthum anklammern und jedes Jota desselben für unbedingte Verpflichtung ausgeben, trotzdem sie selbst im Wandel der Zeit sich so vielfältig gewandelt — oder sich der Religionslosigkeit, dem Nihilismus offenmüthig zu ergeben habe. Man hat es versucht, die schwere Arbeit des letzten Jahrhunderts und namentlich der letzten vier Jahrzehende für nutzlos, erfolglos, vergebliches Umhertappen, für Halbheit auszugehen. Es ist dies eine häßliche Maske, die man abreißen muß, eine Larve, unter welcher sich nur Eigennutz oder Verlebtheit birgt. Wir verargen es Niemandem, seinen eigenen Weg zu gehen, und wollen die Extreme ihres Rechtes auch bestehen, und um ihr Dasein zu kämpfen, nicht berauben. Aber darin eine Entschiedenheit zu finden ist irrthümlich, ist falsch. Nichts bequemer, als sich dem unbeweglichen Alterthum oder dem Nichts zu ergeben, man ist dann fertig undblähet sich auf. Aber die wahre Entschiedenheit liegt darin., das Judenthum in seinem wahren Wesen zu erkennen, es, von den Schlacken der Vergangenheit zu läutern, mit neuer Lebenskraft zu verjüngen, mit Bildung und Wissenschaft zu versöhnen, mit den Forderungen der Zeit und der Gesellschaft auszugleichen, die. Aufgabe, die es für Gegenwart und Zukunft hat, zum Bewußtsein und zur Lösung zu bringen, und so es und, seine Bekenner in. ihm vor Verdumpfung von der einen und vor Zersetzung von der. anderen Seite zu sichern. Fürwahr, dies gehört zu den höchsten und schwierigsten Arbeiten, welche innerhalb der Menschenwelt gestellt wurden und werden; es ist ein Werk, zu welchem lange Zeiten, und viele Kräfte, gehören, und das wahre Energie und unerschütterlichen Muth

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