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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1862-12-23 · Heft 52 (23.12.1862) · p. Seite 752

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
26 (1862)
Issue
Heft 52 (23.12.1862)
Date
1862-12-23
Page
Seite 752 (sequence 4)
Language
German
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752 was man sein und betreiben will-, Charakterfestigkeit, nichts Halbes! - 1 ' Aber fragen wir einmal, was versteht Ihr denn unter entschieden? Auf religiösem, wie politischem Gebiete wird man-jetzt die Antwort hören: einer der beiden'extremen Parteien angehören! Dies ist das Verlangen, das man stellt, dies ist der Maßstab, nach welchem man urtheilt. Alles, was zwischen den beiden Extremen liegt, erklärt man für Halbheit, für charakterlos, für weiche, unentschiedene Masse,, die man nach Belieben zurechtkneten könne. Da entsteht die wichtige Frage: hat man hiermit Recht? Jst^dies Wahrheit? Prüft man die Verhältnisse genauer, so erkennt man, und dies muß uns schon argwöhnisch machen, daß diese Behauptung rein im Vortheile der Extremen liegt, und daß sie dieselbe aus selbstischen, ja diplomatischen Moti-; ven aufstellen. Der Feudale erklärt Alle, die nicht zu seiner Partei schworen, für revolutionär, demokratisch, rothrepüblikanisch, sozialistisch, weil er dadurch den Vortheil hat, sie Alle mit einem Male: zu verdächtigen, vor ihnen Furcht einzujagen, ihnen Recht und Wahrheit abzusprechen. Der radikale Demokrat erklärt aus gleichem Gründe Alle, die nicht zu ihm halten, für servil, angemoderte Masse, konservative Knechte, die dem Fortschritt, der Umgestaltung feindlich und mit Stumpf und Stiel auszurotten sind. Der Orthodoxe, Pietist, Ultramontane erklärt Jeden, der sich um eine Buchstabenlange von ihm entfernt, für abtrünnig/ Ketzer und der Verdammniß anheimgefallen, der Zorn des Höchsten wird sich über ihn entladen. Der Religionslose, der Materialist, der Atheist erklärt Jeden, der eine religiöse Ueberzeugung hat, der eine überkommene Satzung hält, der nach religiösen Vorschriften handelt, für einen verdummten Abergläubischen, der der Freiheit des Menschen schädlich und feindlich, der kaum zu dulden ist. — Wie gesagt, es geschieht dies aus egoistischen Motiven, denn erstens ist es unendlich leichter,- die Blößen einer gegnerischen extremen Partei aufzudecken, die Nachtheile, welche mit deren Herrschaft verbunden wären, nachzuweisen, sie mit hochtönenden Phrasen zu bombardiren, als gemäßigte, besonnene, mit Ernst und Anstrengung, nach Recht und Wahrheit suchende und deren Verwirklichung anstrebende Männer mit Gründen zu widerlegen, und die unabweislichen Forderungen der Menschheit, und der Zeit mit stichhaltigen Argumenten abzuwehren) zweitens wäre es für die Extremen äußerst bequem und zuträglich, wenn sie die große Masse des Volkes, die dazwischen liegt, spalten, und sich einen großen Th eil desselben aneignen ' könnten.» Dann könne es zu einem wirklichen Kampf und zu bleibender Entscheidung, zu einer, wie sie träumen, dauernden Herrschaft ihrer Partei , während' sie jetzt nur eine kleine Schaar bilden, und aus dem Zusammenflüsse günstiger Momente auf Augenblicke zu einer doch immer beschränkten Oberherrschaft kommen. Hierdurch um so aufmerksamer gemacht, gehen wir weiter, und erkennen, daß dieses Gebühren der Extremen nicht einmal aus einer entschiedenen Ueberzeugung hervorgehen kann, sondern nur erheuchelt oder aus einer selbstgewollten Verblendung heraus vor sich geht. Auf unsrem Erdball wechselt es nun einmal mit Tag und Nacht; kein Licht, das nicht seine Schatten würfe, kein Schatten, der nicht durch das Licht entstünde: Was erweist uns die Geschichte der Menschheit? Daß'sie niemals einem Extrem angehört, daß sie niemals von einem Extrem zum anderen überspringt, baß sie dies höchstens auf eine kurze Zeit thut, dann um so schneller in das Gegentheil umspringt, um dadurch in das rechte Geleise der Entwickelung wieder zu gelangen. Gerade wenn eine Richtung sich vollständig entwickelt hat, sind schon - die Wurzeln' einer neuen zu voller Lebenskraft gelangt, um unversehens reiche, saftige Schößlinge in die Höhe zu treiben, die sicher zu kräftigen Stämmen erwachsen. Es lebt in der großen Masse der Menschheit eine entschiedene Abneigung, sich dem Extrem hinzugeben und die Erfahrung hat es genugsam erwiesen, daß so sicher wie die Revolution zur Reaction, die Reaction zur Revolution treibt, sobald eine dieser beiden die Obmacht an sich gerissen. Dafür sorgen die Extreme schon selbst. Ein Extrem kann nicht stehen bleiben, es muß seiner Natur nach sich selbst überbieten und bis zum Extremsten' kommen, das in einigen Wenigen gipfelt und zum Umschlag führen muß. Und wenn ihr die Menschheit, wie die Philister den Simson, mit sieben Seilen bindet, und wenn ihr ihr wächserne Flügel noch so groß anheftet, sie hält nicht still und fliegt nicht, sondern sie schreitet fort; Fortschreiten besteht aber darin, daß der eine Fuß rückwärts auf dem Boden' steht, während der andere vorwärts in den Raum vor ihm tritt, und erst dann den anderen Fuß nach sich zieht, wenn er selbst festen Boden gefaßt. Wisset ihr das nicht so gut wie wir? kann es Einem entgehen, wenn er das'Auge nicht willkürlich schließt? Betrachtet nur euch-selbst. Seid ihr wirklich noch wie eure Vorväter gewesen? Die Burgen und die Rüstungen sind zerbrochen, die Stadtmauern und die-

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