Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 26 (1862)
- Issue
- Heft 52 (23.12.1862)
- Date
- 1862-12-23
- Page
- Seite 750 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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und ermuntert uns, die nachhaltigste Sorgfalt unserem Blatte zu widmen, und ist es unser eifrigstes Bestrebendie Aufgaben , . welche diesem allgemein-anerkannten Organe gestellt sind , möglichst zu lösen.- Es wäre Merdings eine Verkennung der Wahrheit, wenn man annähme, daß der Kampf nach Außen, das ist der Kampf um Glaubensfreiheit und Gleichberechtigung, und die Abwehr von Verdächtigung Md Änfeindung^-nachdem m den letzten Jahrzehenden so überraschend große Siege errungen worden, beendet wäre und die ungern geführten Waffen niederzulegen seien. Es ist dem nicht, so. . Die Versagung der Juden aus Velletri, die Verwerfung des Emancipationsgesetzes durch die Volksabstimmung im Aargau, der Stillstand in der Verwirklichung der einschlägigen Verfaffungsparagraphen in Preußen, die gesetzlich noch immer nicht zweifellos ausgesprochene Stellung der Juden im österreichischen Kaiserstaate, die Lage in Ungarn und den übrigen Donauländern, die in rascher Entwickelung begriffene, aber der Realisirung erst' noch zureifende Gleichberechtigung in Ru ß l a nb> und in sonders in Polen, die noch sehr mangelhafte 'Gleichstellung in S ch w e den zeigen uns, daß auf diesem Gebiete noch Vieles erst im Werden ist, noch Vieles der Vollendung bedarf, die nur durch die regste Aufmerksamkeit, durch die treueste Wacht, durch unermüdliche Anregung' zu erwarten steht. Selbst wenn aber auch der Buchstabe des Gesetzes - überall erst den Grundsatz der bürgerlichen Gleichstellung, diesen Lebensnerv des modernen und, sagen wir es, des wahren und acht religiösen Staates anerkannt und ausgesprochen hat, ist es die Schroffheit'des Gegensatzes, in welche sich die Parteien' in'jüngster Zeit ausgebildet und versetzt Haben, und in welcher wir die beiden Extreme fast gleicher Weise zu fürchten haben, welche uns den Kampf nach Außen noch lange nicht erlassen wird. Demungeachtet läßt es sich nicht verkennen, daß für die'Zukunft der Kampf nach Innen für uns eine noch höhere Bedeutung gewinnen und eine muthvolle und thatkrastige Anstrengung beanspruchen wird. Untergeordnet sehen wir hierin das Verhältniß der Orthodoxie und der Reform unter einander an. Welches Gezänk eine kleine. Clique vor einiger Zeit auch erhoben hatte, welche Versuche sie machte, einen gewissen Fanatismus heraufzubeschwören: Orthodoxie und Reform haben ihren Frieden geschlossen und überlassen die Streitelemente, die zwischen ihnen liegen, ruhig dem Gange der Entwickelung. In allen kleineren ünd mittleren Gemeinden streben sie nach Ausgleichung undVersöhnung, um langsam und ohne nachhaltige Spaltung vorwärts zu kommen; in den größeren Gemeinden, wo mehr Entschiedenheit in den Bedürfnissen vorhanden und von größeren 'Massen getragen wird, stellt man eine Gemeindeorganisation her, welche alle Parteien friedlich neben einander unter dem gemeinsamen Dache der Gemeinde vereinigt. Breslau, Berlin, Hamburg geben hierfür mustergültige Vorbilder ab, und hiermit sind alle die widerwärtigen Reibungen geschwunden, welche so lange Zeit einen betrübenden Anblick boten und die besten Kräfte nutzlos verzehrten. Dahingegen sind es zwei andere und sehr mächtige Gegner, deren Bekämpfung die Aufmerksamkeit und Thätigkeit aller wohlgesinnten Israeliten im Innern unserer Glaubensgenossenschrft aufrufen. Es ist' dies einerseits der Chassidismus, der mit außerordentlichem Erfolge seine Herrschaft von Osten nach Westen ausdehnt und alle jene Länder in Besitz nimmt, wo die Volksbildung der jüdischen Masse noch immer ver- , nachlässigt geblieben. Der Chassidismus ist nicht blvs ein Todfeind ebenso der Orthodoxie wie der Reform, welcher Bibel und Talmud durch den Sohar und zwar noch dazu durch den mißdeuteten und ins Verkehrteste gedrehten Sohar verdrängt, sondern er untergräbt, da er noch vielmehr praktischer als theoretischer Natur ist, die Sittlichkeit und das gewerbliche Leben aufs Tiefste und bringt eine Entartung der Masse hervor, welche ihn zum Feinde der Menschheit überhaupt stempelt. Es haben sich auch im Westen einige Wenige von der Energie täuschen lassen, welcher dieser neue Fanatismus in den Herzen seiner Anhänger weckt, um diese als eine Erstarkung des religiösen Elements anzusehen. Es kann keinen ärgeren und gefährlicheren Jrrthum geben. Es ist eine Energie der Trunkenheit, der Vigor des Opiumessers, welchem eine völlige Erschlaffung.folgt, der eine unheilbare Verkümmerung und selbst den Tod bewirkt. Dem raschen Vordringen dieses Ungethüms Grenzen zu setzen und ihm das gewonnene Terrain wieder abzuringen, ist die nächste, aber eine sehr schwierige Aufgabe. Ebenso aber drängt es, der Religionslosigkeit, der Nichtachtung, alles religiösen Lebens kräftig entgegenzutreten, welche im Innern unserer Glaubensgenossenschaft zwar nicht geradezu im Wachsen begriffen, doch aber weit ünd breit vorhanden ist. Aus-der'Stabilität und Lebenslosigkeit, aus der Unbildung und Geschmackswidrigkeit der früheren Geschlechter war im.Anfang unseres Jahrhunderts eine Generation hervorgegangen, welche für das Judenthum fast Verachtung, für Religion die höchste