Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 26 (1862)
- Issue
- Heft 51 (16.12.1862)
- Date
- 1862-12-16
- Page
- Seite 737 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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737 earonische Poesie von Italien her einen kurzen Umzug! .durch das romanische Sprachgebiet hielt, auch einen kurzen Uebertritt nach Deutschland unternahm , um bald ganz wieder zu verschwinden. „Gerade aber auch die jüdischdeutsche Sprache war^ es, welche aus der jüdischen Kabbala eine nicht geringe Menge kabbalistischer Formen auf den deutschen Sprachboden überführte, von denen die Gaunersprache gleichfalls eine wenn auch weniger bedeutende, doch immer be-; achtenswerthe Zahl aufnahm.. Wie die vielen eigenthümlichen, sehr oft phonetisch belebten Abbreviaturen, verdienen diese wunderlichen Formen genaue Beachtung, da (und das ist ganz besonders bei den Abbreviaturen der Fall)' eine nicht geringe Anzahl auf dem deutschen Bolkssprach- ,-boden sich heimisch gemacht hat, sodaß sie häufig sogar aus deutschen Wurzeln entsprossen zu sein scheinen. Ihre Kenntniß ist um so wichtiger, als man nur mit ihr gerüstet hier und da einen vereinzelten Schritt auf das unheimliche Gebiet der christlichen Zaubermyftik mit ihren ungeheuerlichen Formeln wagen darf, obgleich man auch gerade durch sie selbst die Ueberzeugung gewinnt, daß diese Mystik und ihr Formelwesen für alle Zeiten ein wirres, düsteres Geheimniß bleiben wird und immer nur in einzelnen Bruchstücken begriffen werden kann, welche überall aus dem socjalpolitischen Leben herausragen, wie die noch rauchenden Trümmer einer weiten Brandstätte, und welche das Gaunerthum zu seinen Zinken und betrügerischen Zauberformeln, die Politik aber zu ihrer geheimen Cabinets- und Polizeisprache doch noch nutzbar zu machen verstand. „Dieser in nur dürrer Skizze angedeutete ungeheure wirre,: wüste, seit vielen Jahrhunderten zusammengehäufte, mitten in das Volksleben und tief, unter dessen Boden versenkte, in fortwährender ungeregelter Bewegung durcheinander geschobene und verschüttete Stoff lag vor, noch niemals untersucht, noch niemals bearbeitet, nur von P o tt in einzelnen Hellen Hindeutungen hier und da beleuchtet, von jedem andern sogenannten Bearbeiter aber blos noch, mehr verwirrt und verdunkelt." >,Schon bei der ersten Vertheilung und Sichtung des Stoffs stellte sich dem Verfasser ein ernstes Bedenken ent-, gegen, das aber auch sehr rasch beseitigt wurde: das Bedenken nämlich, ob die Behandlung der jüdischdeutschen Sprache mitten in der Untersuchung der Gaunersprache zulässig sei. Unbedingt mußte der Verfasser die Frage bejahen, sobald er sich selbst über feine Aufgabe wie über das Judenthum klar geworden war, in welchem er den vieltausendjährigen Grund erkannt hatteauf welchem das Ehristenthum aufgerichtet steht. Wenn nach anderthalbtausendjähriger Hetzjagd' des Judenvolks noch um die Mitte des 19. Jahrhunderts die Begriffe Jude und Gauner als identisch, ja sogar der Jude als Gauner in höherer Potenz statüirtwenn daher ein eigenes „jüdisches Gaunerthum", eine eigene „jüdische Gaunersprache" proclamirt werden konnte: dann half nichts Anderes, als die ganze wirre Masse zusämmenzufassen und zusammen auszuglühen, um die verschiedenen Stoffe wie in einem scharfen chemischen Proceß zu scheiden und zu sondern." „Eine freudige Genugthuung hatte der Verfasser in der bei seinen Studien fortschreitend sich befestigenden Ueberzeugung, daß er mit vollem Fug die jüdischdeütsche Sprache als deutsches Eigenthum vindiciren und in der überaus reichen jüdischdentschen Literatur unserer deutschen Nationalliteratur einen integrirenden großen Theil zuweisen konnte. Noch niemals war dies merkwürdige zusammengeschobene Sprachgefüge untersucht worden. Dje Orientalisten des 16. bjs 18, Jahrhunderts in Deutschland kannten trotz, ihrer erstaunlichen orientalischen Gelehrsamkeit ihre eigene deutsche Grammatik und Literatur nicht ausgiebig genug. Das von Juden auf deutschem Boden geschaffene merkwürdige Sprachgefüge war aber durch das ganze deutsche Volk und dessen Leben hindurchgerankt, hatte sich diesem Leben und seiner Sprache aufs innigste angeschlossen sind selbst die deutschen Sagenkreise durchdrungen, sodaß die deutschen Volksbücher in der That auch zu Volksbüchern der Juden wurden und daß z. B. ' der Wigalois im König Artis und sein Hof" und manche andere deutsche Säge den poetischen Bearbeiter im deutschen Iudenvölke finden konnte. Je mehr der Verfasser in die jüdifchdeülsche Literatur hineindrang, desto mehr wurde er vom Erstaunen darüber ergriffen> daß dieses in der'jüdischdeutschen Literatur klar und bündig vor Augen liegende Zeugniß vom deutschen Leben vier Juden auf deutschem Boden den Orientalisten früherer Jahrhunderte so ganz entgangen sein konnte, daß sie sogar mit ihrer ungelenken Missionsliteratur den stolpernden Schritt auf das jüdischdeutsche Gebiet wie auf einen ganz exotischen Boden unternahmen , als ob der deutsche Boden dem Volke , der Juden ein ganz und gar fremder, üybekanyter sesi Aber gerade in dieser jüdischdeutschen Literatur , lag das weitgreifende historische Zeugniß vom deutschen. Leben des jüdischen Volkes, welches trotz der absolutesten Verläug-