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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1862-12-16 · Heft 51 (16.12.1862) · p. Seite 736

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
26 (1862)
Issue
Heft 51 (16.12.1862)
Date
1862-12-16
Page
Seite 736 (sequence 4)
Language
German
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536 Sprache des Verbrechens sowohl ihrem Stoff, als auch ' ihrer.Form Zach;wesentlich als deutsche Volksspruche erkannt hatte, glaubte er vor Allem den Auslauf der deutschen Sprache, aus, der Ursprache, überhaupt und. neben den verwandten Sprachstämmen ins Auge fassen.und-die deutsche Sprache in ihrer volksthümlichen dialectischen Verbreiterung andeutungsweise darstellen zu müssen, ehe selbst nur eine Definition , der Gaunersprache gegeben und eine Untersuchung der verschiedenen ein schla-; genden und ähnlichen Benennungen angestellt wurde, nach deren Aufklärung erst ein deutlicher Einblick in Wesen und Stoff der Gaunersprache erreicht werden konnte. Nur;er{i auf dieser so geebneten Grundlage war es möglich, den durch viele Jahrhunderte hindurch in riesigen Massen und in derbuntesten Durchmischung und Entstellung aufeinander gehäuften und in steter Gährung bewegten, noch niemals bearbeiteten Stoff auseinanderzubreiten - und nunerst wieder seine vorläufige Sonderung in Hauptmassen zu unternehmen, um dann weiter in die Untersuchung 'des Einzelnen, Vordringen zu können. Je schärfer das Vorgefundene, Exotische sich, in seiner Eigenthümlichkeit erhalten hatte: desto leichter gelang die Sonderung, ungeachtet die überaus laxe Hospitalität der deutschen Gaunersprache die Kritik sehr erschwerte. So konnte das Zigeunerische , am behendesten gesondert und lediglich auf die geläufigste Bocabulatur beschränkt werden. Ein Gleiches , war der Fall bei den Wortzuthaten aus dem .romanischen und slawischen Sprachgebiet. ,, „Schwieriger schon war es, durch die höchst wunderlichen deutsch-pialectischen Formen der Gaunersprache sich durchzufinden, nicht etwa , weil die außerordentlich verschiedenen. Lunten deutschen Bolks.dialecte schon an sich nicht immer leicht, zu erkennen und zu unterscheiden sind: sondern weil, die Gaunersprache geflissentlich das entlegenste^ und verschiedenste Dialectische im Einzelnen aufgelesen und zu seinen specisischen Typen statuirt hat. In. dieser Statuirung der einzelnen dialectischen Typen, welche,, wenn auch allen deutschen Provinzialismen entlehn:,, doch gerade in der, strengen Auswahl und Beliebung beschränkt erscheinen könnte, liegt aber dennoch die größte Mannigfaltigkeit und. der größte Reiz zur Untersuchung.. Der, beständige, ungemein lebendige Wechsel lockt den kritischen Blick überallhin und winkt ihm aus allen, auch den entlegensten Ecken und Enden deS deutschen Sprachgebiets, entgegen. Dabei tritt nun auch wieder die seltsame EigenthümlichW, hervor, daß das durch Convention ^aus den buntesten Stoffen zur Einheit zusammengezwungene Ganze im einzelnen Dialectischen Lei seiner Verwendung am entlegenen Orte häufig einer topischdialectischen Modulation unterworfen wird und dann sogar auch beim weitern Umzüge andern neuen Modulationen mehr oder minder verfällt. Diese Eigenthümlichkeit macht die Analyse ungemein interessant, wenn auch oft sehr schwierig. Schon Ehristensen's natürliche und ungesuchte Synonymik (IV, 199—221) giebt ein interessantes Bild davon. So haben sich in überraschender Fülle, bald in reiner ursprünglicher Form, bald in mehr oder minder starker Verfärbung und Modulation eine Menge althochdeutscher, altniederdeutscher und mittelhochdeutscher Wörter mit zum Theil nur wenig verschobener Bedeutung in der deutschen Gaunersprache erhalten, und in dieser oft überraschend treuen Bewahrung alter Formen blicken sogar auch einzelne reine gothische Formen Heraus, wie sich z. B. der gothische „Hauhns" bis zur Stunde im vollen geläufigen Gaunergebrauch erhalten hat. Meistens nur in neuhochdeutschen Wörtern tritt die Äehnlichkeit der deutschen Gaunersprache mit den romanischen Gaunersprachen am schärfsten hervor, deren wesentlichster Grundzug nicht' etwa die Modulation der Würzelformen und Flexionen ist-, sondern vorzugsweise die Verschiebung der logischen Bedeutung zu frivolen Metaphern. „Einen ungemein reichen und durchaus eigenthümlichen Beisatz hat aber die deutsche Gaunersprache durch die jüdisch deutsche Sprache gewönnen, jene gewaltsame unnatürliche Zusammenschiebung indo-germanischer und semitischer Sprachtypen, welche für alle Zeit als trübes Denkmal unmenschlicher Verfolgung und Erniedrigung des alten Gottesvolkes bleiben wird und welche so tief eingeätzt steht aus dem deutschen Cultur- und Sprachboden, wie Blutspuren auf einer Folterbank. Das in seiner Ausbildung fortschreitende Gaunerthüm fand bei seiner Verfolgung und bei seiner Flucht in die niedrigsten Volksschichten das von der rohen allgemeinen Verachtung in ebendieselbe niedrige Sphäre hinabgedrückte Volk der Juden und mit ihm das wunderliche Sprachgeschiebe vor, dessen exotische Stoffe und Formen es mit Begierde für seine geheime Kunstsprache ausbeutete. Dieses Judendeutsch mit seinen fremdartig erscheinenden bunten Typen gewährte der deutschen Gaunersprache eine durchaus eigenthümliche Bereicherung, wie in keiner andern Volkssprache eine auch nur ähnliche Zusammenschiebung möglich werden konnte, ungeachtet seit dem 16. Jahrhundert die eine entfernte Analogie darbietende Mac-

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