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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1862-12-09 · Heft 50 (9.12.1862) · p. Seite 725

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
26 (1862)
Issue
Heft 50 (9.12.1862)
Date
1862-12-09
Page
Seite 725 (sequence 9)
Language
German
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725 galt, als harmlosen Bürgern, welche Befreiuung aus den alten Schranken wollten, und der Sieg nichts Anderes erzielt, als fernere Niederhaltung eines schwachen Häufleins Juden unter dem mittelalterlichen Drucke. Und wenn es vielleicht einem Geschichtschreiber gleich jener Jungfer im freien Amte in den Sinn kommen sollte, Schleuniger neben Winkelried zu setzen, so dürfte es ihm doch noch bei Zeiten einfaüen, daß Winkelried rief : ,>Jch will der Freiheit eine Gasse machen", und Schleuniger's Losungswort ist: Der Zweck heiligt die Mittel. Wenn wir auch die demokratischen Institutionen des Freistaates hochachten, so können wir uns vor der Majestät-des Volkes nicht beugen, um seinem Urtheile da zuhuldigen, wo dasselbe nicht auf Rechts- und Vernunftgründe sich stützt.*) Dem Souverän in der Republik kann ebenso gut etwas Menschliches begegnen, als dem Fürsten von Gottes Gnaden, und Mißleitung kann Beide in schlechte Laune bringen, besonders wenn mit der Muttermilch eingesogene und: bei der Erziehung großgezogene Vorurtheile Grund zur Mißleitung gegeben und sie von vornherein erleichterten. Ob nun der 11. November dem Aargau zum Heile und zur Ehre gereichen wird , mag die Zukunft lehren. Aarau, 25. November. Die Israeliten in dem Canton Aargau petitioniren jetzt bei dem Bundesrathe, er möchte ihnen wenigstens die durch die Bundesverfassung garantirten Rechte wahren, d. h. ihnen so viel sichern, als sie jetzt besitzen. Die letzte Volksabstimmung über das Judeneinbürgerungsgesetz kann ihnen allerdings Anlaß genug zu Befürchtungen geben. Bern, 20. November. (M. Z.) Der Beschluß, politische Volksvereine zu gründen, ward am vergangenen Sonntage auch. in dem Canton A a r g a u von einer, zu. Brugg tagenden Versammlung liberaler Männer gefaßt. Bei dem Ueberhandnehmen des ultramontanen Einflusses in diesem Canton kann dieser Schritt der Aargamr Liberalen nur mit Freuden begrüßt werden Bei dieser Gelegenheit sei bemerkt, daß von den 281 Gemeinden , des Aargaus nur vier, und noch dazu *) Das hat uns die heil. Schrift schon gelehrt, indem sie den Grundsatz aufstellt (2. Mos. 23, 2.): „Folge nicht der Menge zum Bösen, zeuge nicht in einer Rechtssache, indem Du Dich der Menge nachneigest, das Recht beugend." Re da ctio n. vier Dorfgemeinden, für die Einbürgerung der Juden gestimmt haben. Diese vier Dorfgemeinden, welche eine Ehrenerwähnung verdienen, heißen Beinwil, Birrenlauf, Densbttren und Oberentfelden. (Volksbildung wird wohl auch im Aargan das wirksamste Mittel sein, um das dortige Volk den Händen der Ultramontanen zu entziehen. Der größte Theil des aargauischen Volkes wohnt in Dörfern und unbedeutendsten Landstädtchen, die noch heute in ihrer Entlegenheit dem Weltverkehr und der Strömung des allgemeinen Lebens entzogen sind und erst allmählig durch die Eisenbahn in nähere Verbindung und Berührung mit oer Welt kommen. Während diejenigen Schweizercantone, deren Centralpunkte große und bewegte Städte sind, wie Genf, Basel,' Bern, Zürich, St. Gallen, die Gleichstellung der Juden ganz oder fast ganz verwirklicht haben, sind es Basellandschaft und Aargau, Cantone mit fast nur ländlicher Bevölkerung, welche sich dieser immerfort feindlich erweisen. In den inneren Cantonen von gleicher Beschaffenheit wohnen keine Juden oder nur wenige zerstreute. Es ist dies zur Beurtheilung der jüngsten Ereignisse der beste Fingerzeig. Eine eigenthümliche Ausnahme macht der Canton Graubündten, dieser an wilder und pitoresker Naturschönheit überreiche und von den Touristen noch wenig besuchte östlichste Canton, in welchem gar keine Juden wohnen, und der die unbedingte Gleichstellung derselben ausgesprochen, was Wohl mit einer förmlichen Einladung, sich dort niederzulassen und das industrielle Leben zu befruchten, als. gleichbedeutend angesehen werden kann. Die Redaction der Allg. Ztg. d. Jud.) Italien. Paris, 25. November. Die Opinion Nationale hatte gemeldet, der Vetter des Papstes Pius IX., Cardinal Matter, Bischof von Velletri, habe aus seinem Sprengel alle Juden ausgetrieben; da kam das klerikale Blatt Le Monde und läugnete die Sache mit dem Zusatze, „es gebe in Velletri gar keinen Juden". Die Opinion Nationale kommt jetzt auf den Vorfall zurück. Danach stellt sich derselbe so heraus: In Velletri wie in Civita wohnt allerdings nur eine jüdische Familie, welche durch ein altes Decret die Erlaubniß hat, dort zu wohnen; diese blieb in Velletri verschont. Aber seit 1849 hatten sich unter den Augen der Franzosen mehrere jüdische Familien in der Diöcese Velletri nieder- 50

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