Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 26 (1862)
- Issue
- Heft 50 (9.12.1862)
- Date
- 1862-12-09
- Page
- Seite 722 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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derselben eine einstündige Feier im Tempel, bestehend aus einem kurzen, biographisch gehaltenen Nachruf von Dr. Frankfurter und aus mehreren deutschen und ebräischen Trauer-Chorälen. Salomon war nicht allein in seinem Beruf berühmt und geachtet, sondern auch als Mensch geliebt und anerkannt. Seine ehemaligen Schüler (er war nämlich hier einige Jahre Mitdirector ei-. ner Privat-Knabenschule) wollen ihm einen schönen Leichenstein errichten. Sowie Salomon einer der letzten Biuristen und der erste Verfasser und Herausgeber einer vollständigen deutschen Bibelübersetzung in deutschen Lettern für Israeliten war — die ihm übrigens nie einen Pfennig eingebracht hat — im Gegentheil -so ist er auch, neben Kley und Mannheimer, einer der ersten regulären jüdischen Kanzelredner. Er fing damit schon 1815 in Dessau an, und viele seiner zuerst in der»Zeitschrift Sulamith erschienenen Borträge gelten noch Heute und in vielen Gegenden als Muster. In jener Zeit hatte die jüdische Predigt eine mit der heutigen nur theilweise zusammenfallende Aufgabe. Nehmen wir die Entwickelungsperiode der deutsch-jüdischen Welt von Moses Mendelssohn's Zeiten an bis hieher auf runde 100 Jahre an, so waren die ersten Bestrebungen im Allgemeinen vorzüglich dahin gerichtet, das damalige Geschlecht nur fürs Erste so zu sagen salonfähig zu machen, nämlich sie in Sprache, Manieren, Geschmacks- und Gesinnungsrichtung der großen europäischen Gemeinschaft beizugesellen: ein Streben, das freilich noch nicht durchgelungen ist, da wir sehen, daß z. B. neben dem Hochdeutschsprechen, das. Jüdischdeutschschreiben, ja daß sogar innerhalb des drei- oder vierstimmigen Choralgesanges die widerwärtigsten Gebetstücke mit starker Affection gepflegt werden. Nach Verlauf der ersten Hälfte jenes Jahrhunderts, also seit jenen Anfängen, zeigte sich, daß sehr häufig das Kind mit dem Bade ausgeschüttet worden, und da diese Gefahr immer bedrohlicher dastand, so fühlten die ersten Prediger das Bedürfniß, den Juden neues Selbstgefühl einzuflößen (leider ist dies häufig gar zu gut gelungen). „Wir brauchen nicht bei Anderen zu betteln noch zu borgen", war damals ein Lieblingsausdruck Salomon's in seinen Predigten. Zwei Gegenstände aber waren es, die den besten Stoff zu den Predigten jener Zeit hergaben: der politische Jammer und die Familieninnigkeit, von welcher wir Judey ja noch heute glauben, daß sie ganz besonders bei uns zu Hause sei. Mit der allmählig und nun fast ganz erlangten bürgerlichen Gleichheit ist dieser erste Kernpunkt im Allgemeinen weggefallen, während der zweite fortwährend von allen, besonders den jüdischen Predigern mit Glück behandelt, von. Salomon ganz vorzugsweise cultivirt und dadurch Hier wie anderswo der jüdischen Kanzel ihr eigentliches Auditorium zugeführt und erhalten ward. Die stufenweise Reinigung des CultuS und das deutsche Kirchenlied schlossen sich als jüngere Schwestern der Predigt an, und wenn sie im Ganzen weniger eingreifende Fortschritte aufweisen können als die übrigen Momente, so erklärt sich das vielleicht dadurch, daß das Gebetswesen ein Feld ist, auf das das ältere dogmatische Judenthum weniger Werth legt und wo. demnach jeder Mann, ja jedes Weib sein Wörtlein mitreden kann (Mischechareb Bet ha-Mikdasch batela ha-nebuah rc.). Wir haben im Obigen den religiösen Unterricht und die daraus entstandene Confirmations-Ceremonie nicht erwähnt, weil da freilich feit diesen 50,Jahren das Alte als unhaltbar aufgegeben) das Neue aber noch sehr chaotischer, bisweilen auch chamäleontischer Natur ist, so daß man noch nicht weiß, was daraus werden kann. Dies führt uns denn auf die neue Schule, oder vielmehr die neuen Schulen, welche, jene altliberale in unfern Regionen abgelöst haben. Das sehr wohlklingende Schlagwort: nichts Halbes,, was man ist, muß man ganz sein! dominirt auch jetzt hier und so sehen wir zwei Extreme im Kampf gegen einander, deren jedes behauptet, das Gute der anderen Richtung neben der seinigen conservirt zu haben, uneingedenk, daß kein Weltkörper sich in einer vollkommenen Kreislinie bewegt, daß kein Fortepiano ohne alle Temperatur, gestimmt wird. Ob nach abermals 50 Jahren diese Geister >mit ebenso viel Befriedigung auf ihre Laufbahn werden blicken können, als diejenigen, welchen Salomon huldigte, das werden unsere Nachkommen zu entscheiden haben.*) Preußen. Gollub, 23. November. Gestern fand bei uns wiederholte Bürgermeisterwahl statt., Die frühere Wahl *) Die von Dr. Frankfurter bei der Todtenfeier gehaltene Rede ist im Druck bei Nestler und Melle erschienen. Sie ist des Gefeierten wie des Redners würdig, voll tiefer Empfindung und taktvoller Würdigung. Die Redaction.