Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 26 (1862)
- Issue
- Heft 50 (9.12.1862)
- Date
- 1862-12-09
- Page
- Seite 720 (sequence 4)
- Language
- German
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720 fallen sollte. Irr ganz Preußen ist nur der Redäcteur einer einzigen politischen Zeitung (der „Volkszeitung") ein Jude, die sämmtlichen übrigen Blätter befinden sich in den Handeü von Christen. Noch mehr. Weil seit 1848 es eine sehr oft wiederholte banale Phrase geworden, die Presse sei von den Juden occupirt,' vermeiden es die meisten Redactionen ängstlich, Juden als Correspondenten' anzunehmen. So viel vom Factum. Ob aber die preußische Presse, wenn wirklich viele Juden an ihr mitarbeiteten, dadurch an Geist, Tendenz und Charakter verlöre oder gewönne, das ist noch eine andete Frage, die uns jedoch nicht zweifelhaft ist, da'gerade jenes einzige politische Blatt, welches einen' Juden zum Redäcteur hat, alle andern preußischen Zeitungen an Abonnentenzahl, also an Verbreitung und Beistimmung Seitens des Publiküms weit überflügelt hat, obgleich es verhältnißmäßig noch jung und nicht durch Inserate localiter eingesattelt ist. Würde aber der Herr Ministerpräsident jenen Ausspruch wirklich gethän haben,"so charakterisirte derselbe die Gesinnung und Ansichten über uns, welche an dieser hohen Stelle herrschen, von Neuem. — Eine zweite charakteristische Aeußerung findet sich in Folgendem. In allen Armeen Europas hat man im Laufe der letzten 10 oder 20 Jahre die Militärärzte mit dem entsprechenden Officierrange als eigentliche Combattanten anerkannt, in den „Militärischen Blätttrn" findet sich aber ein Artikel dagegen, der wider die Uebertragung dieser Maßregel auf die preußische Armee eine geharnischte Verwahrung einlegt. Als erster und nächster Grund für diese abweichende Ansicht ist aber die schon hervorgehöbene Kameradschaft unter unfern Officieren angeführt, auch liest sich zwischen den Zeilen etwa noch heraus, daß die Militärärzte kraft ihrer Sonderstellung' den in den Officierkreisen gültigen Ehrenregeln, namentlich auch in Hinsicht auf das Duell, wohl nicht zu entsprechen brauchten. Der eigentliche Schwerpunkt der ganzen Ausführung liegt indeß wohl in dem letzten Satze derselben, wo plötzlich helles Licht in der Bemerkung hervorbricht: „Sind doch unter nnsern Aerzten auch Männer mosaischen Glaubens." — Die Geschichte der preußischen Armee hat schon so viele Anomalien auf diesem Gebiete hervorgebracht, daß es einer weiteren Erörterung'nicht bedarf. Stehen wir Juden doch auch hierin für jene Partei mit dem gesummten Volke, als Gegensatz der Junker,' auf einer Linie, so daß wir uns gar nicht beklagen dürfen. Immerhin; stehen und fallen wir mit dem Volke. Zerstreute Bemerkungen. Es ist eine' schon oft ausgesprochene Beobachtung, daß es wohl noch keine Zeit gegeben, in welcher die sonderbarsten und entgegengesetztesten Erscheinungen auf dem Gebiete der Religion'so nähe bei einander standen, sich so begegneten. Soberichtetder „Sinai" aus N e w - Aork: Folgender Vorfall in 'hiesiger Stadt wird als ein merkwürdiges Zeichen der Zeit zu 'betrachten sein: Eine mit einem Juden verehelichte Christin gebar ihrem Gatten neulich ein Söhncheris welches die Mutter beschnitten wissen will,- während der Vater der Beschneidung sich widersetzt. — In S ch w e den erschien kürzlich eine Broschüre: „Zur Vertheivigung, daß die Juden auch mit entblößtem Haupte beten dürften." Gleichzeitig gingen beim protestantischen Cönsistoriurn viele Bittschriften ein um die Erlaubniß, mit bedecktem Häupte namentlich im Win-; ter beten zu dürfen. Es heißt, das Consistorium werde f einen günstigen Bescheid ertheilen und 'sich hierbei aus 'das Beispiel der Juden berufen. - - , Wir lesen in den öffentlichen Blättern: „Den „Hamb, Nachr." wird aus der Provinz Sachsen geschrieben: Voriges Jahr ist bekanntlich von mehreren katholischen Theo-; logen und Protestanten der neuen hyperorthodoxen Schule (Leo rc.) eine C o n f e r e n z in Erfurt abgehalten worden, um gemeinsam gegen die gemeinsamen Feinde, insbesondere auch in Sachen der weltlichen Souveränetät des Papstes vorzuschreiten. Damals schien es, als ob die Conferenz ganz'' erfolglos gewesen. Dem war jedoch nicht so, vielmehr' die Annäherung so weit gediehen, daß im laufenden Jahre wieder eine Conferenz in aller Stille stattfand. Allein Professor Leo hat sich doch nicht enthalten können, das Schweigen zu brechen, und in einem Briefe, welchen ein katholisches Blatt (das „Freiburger Kirchenblatt") veröffentlicht, zu versichern, daß es' durchaus gegen seinen Charakter sei, „einzeln überzulaufen", daß er es vielmehr vorziehe, noch in dem sinkenden Kahne auszuharren und das Schicksal der Brüder zu theilen. Also ist'Herrn Leo und seinen Freunden die protestantische Kirche ein sinken des Sch i ff, in welchem er nur noch ausharren will, bis die Zahl der Gesinnungsgenossen sich so vermehrt, daß es kein „Ueberlauf Einzelner ist." v ' ' Bekanntlich ist Prof. Leo in Halle ein getaufter Jude. Wenn er also den Protestantismus als einen „sinkenden