Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 26 (1862)
- Issue
- Heft 50 (9.12.1862)
- Date
- 1862-12-09
- Page
- Seite 718 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3226310-3226361--20833-3249923- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
718 sich jemals von dem Beispiele ihres Gegners zu Ausschreitungen und Gemeinheiten verleiten zu lassen. Doch wir .haben nicht vor, uns in den einzelnen vorliegenden Fall einzülaffen. Die Hamburger Bürgerschaft hat bei der jüngsten Wahl ihrer Vertreter erwiesen, daß sie mit dem Herrn Marr nicht auf gleicher Linie stehe, und wenn sie einen Juden bei der Wahl fallen ließ, wählte sie dafür einen anderen unter ihre Vertreter. Hiermit ist die Marr'sche Jnvective hinlänglich widerlegt, und man kann solche theoretische Duselei auf sich beruhen lassen. Darum wenden wir vielmehr den Blick in das Allgemeine. An sich ist auch dieses Vorgehen nicht neu. Der Skepticismus aller Zeit wandte sich mit Haß und Ingrimm gegen Juden und Judenthum. So der griechische und römische Materialist, so Voltaire und seine Schule, so Bruno Bauer und sein jüngster Nachtreter. Hatten wir vor Kurzem (S. No. 48 d. Bl.) über den Judenhaß der pietistisch - feudalen Partei und heute über den Judenhaß der Atheisten und Rothen zu sprechen: so beweist dies nur, daß die Leiden Extreme in eines hinauslaufen und sich in Unterdrückung, Ausschließung und Tyrannei begegnen. Die Einen hassen die Juden, trotzdem sie die Bibel von ihnen haben, die Anderen, weil die Bibel von ihnen gekommen; die Einen feinden die Juden an, weil sie nicht mehr die Juden von ehedem sind, die Anderen, weil sie ihnen noch viel zu viel Juden sind — im Haß und in der Feindschaft aber stehen sie einander gleich. Die Einen wollen die Juden bürgerlich ausschließen , weil diese mit ihnen nicht gehen können, die Anderen, weil diese mit ihnen nicht gehen wollen. Genau genommen muß uns der Haß der Rothen willkommener sein und legt uns mehr Zeugniß für die Beffergestaltung unserer Verhältnisse ab, als die Gegnerschaft der Feudalen. Denn die letztere erweist, daß wir noch immer unter Ausschließung und bürgerlicher Benachtheiligung uns befinden, während die Rothen uns erst dann zu bekämpfen anfangen, wenn sie uns im Besitze der bürgerlichen Rechte sehen und finden, daß wir durchaus nicht gesonnen sind, mit ihnen gemeinschaftliche Sache zu machen. Die Feindschaft beider Extreme gereicht uns zur Ehre, noch, mehr aber die der Rothen und Atheisten, denn die Feudalen sehen in uns Genossen der volkstümlichen Grundsätze und Rechte, die letzteren aber Stützen und Träger der gesellschaftlichen Ordnung und der positiven Gotteslehre und Sittlichkeit. Wenn die Ersteren uns Alle als Liberale verschreien, die Letzteren als Conservative, so mögen wir damit zufrieden sein, denn in ihrer Vereinigung zeichnen sie den wahrhaften Standpunkt des Judenthums. und der Juden, der liberal für die Principien der bürgerlichen Freiheit und Gleichheit, konservativ für die gesetzliche Ordnung, die Gotteslehre und die Sittlichkeit ist. Anders sind wir nicht, wenn und so, lange wir Juden sind, und anders wollen wir nicht beurtheilt ftim Wer uns also erkennt und uns darum feine Zustimmung schenkt, sei uns willkommen; wer uns also erkennt, und uns darum haßt und beschimpft, der thue es immerhin. Wir wissen, daß wir den rechten, den ewig wahren, den über Zeit und Parteiung erhabenen Standpunkt einnehmen, und den soll uns alles Anstürmen der Gegner, alles Wüthen der Extreme, sei es vom äußersten Rechts oder vom äußersten Links, . nicht verkümmern und nichts uns von ihm verdrängen. Ja, nähren wir in uns das freudige Bewußtsein, selbstständig zu sein, uns von keiner Partei ins Schlepptau nehmen zu lassen, und Das in uns zu tragen, was der ganzen Menschheit und ihrer Entwickelung angehört. Wie. sollten, wir, das alte Juda, uns vom Lächeln oder vom Grinsen der Einen oder der Anderen bewegen lassen, die wir die Wellen der Geschichte so lange schon an uns vorüberrauschen sahen und fest standen, ob auch der Schaum der gepeitschten Wogen an uns hinaufspritzte und uns mit ihrem salzigen Wafserschwall überschüttete. Wissen wir doch, daß sich der Sturm immer wieder legt, und die Sonne durch das düstere Gewölk hindurchbricht U— In die oben gezeichnete Stellung trat das israelitische Volk von seinem Beginn an ein. Was auch die Kritiker sagen mögen, das Gesetz war nicht der Ausfluß .einer früheren längeren Periode seines, Lebens, sondern das Volk bildete sich auf der Grundlage dieses Gesetzes. Dies beweist der ganze Charakter dieses Gesetzes und ebenso die Geschichte des . Volkes, in welcher'sich dieses Gesetz in seinen Grundzügen. unveränderlich bis auf den heutigen Tag erhielt. Hierin unterscheidet sich das israelitische Volk und sein Gesetz von allen übrigen Völkern und Gesetzen. Dieses Gesetz prägte über als seine Fundamentalsätze die bürgerliche. Freiheit und Gleichheit aus, und dieser Umstand machte seine.Unveränderlichkeit möglich. Alle Phasen seines staatlichen und geschichtlichen Lebens bis auf das kleinste jüdische Gemeindeleben konnten sich deshalb auf diesem Gesetze aufbauen und zurecht gestalten, Republik, Monarchie, Souzerainität, unterwürfige Corporation und freie, selbstständige Gemeinde (wie