Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1862-12-02 · Heft 49 (2.12.1862) · p. Seite 703

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
26 (1862)
Issue
Heft 49 (2.12.1862)
Date
1862-12-02
Page
Seite 703 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3226310-3226360--20815-3249904
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

ihm der ideale Nerv abgeschnitten, der ideale Pulsschlag unterbunden werde? SL- - gab; es' Zeiten/'- wo allerdings Genuß und Erwerb/ der üppigste Luxus, die raffinirteste Sinnlichkeit und darum die Sucht nach Reichthum den breitesten Raum in der menschlichen Gesellschaft einnahmen, das Ideale verdrängt und, mißachtet-wurde, wo die Menschen bis zu dem Punkte gelangten, auf welchem sie, sich sehr weise dünkend, alles Ideale und Uebersinnliche für Aberglauben einer tri' den Kinderschuhen steckenden Vergangenheit belächelten und anfeindeten, und bewußt und unbewußt den Egoismus auf den Thron'der MenschhM erhoben und ihn als die wahre Weisheit anbeteten. Nicht minder gab es Zeiten, wo der über seine natürlichen Grenzen hinausgewachsene' Idealismus auf allen menschlichen Gebieten die groteskesten undJ phantastischesten Gebilde schuft für sie die Menschengeister entflammte und zum eigenen Verderben triebt Bei genauerer Prüfung erkennen wir, daß jene Zeiten des überwuchernden Materialismus immer mit großer Sittenentartung! verbunden waren' und in die Perioden des Verfalls und des nahenden Untergangs der Völker' fielen; wie andererseits die Zeiten des ausschreitenden Idealismus mit Rohheit Und Barbarei, Verwirrung und Unterdrückung vereinigt waren. Wir erinnern z. B. als Gegensätze an die Zeit der römischen Cäsaren und an die der Kreuzzüge. Ehe die beiden menschlichen Richtungen zu solchen Höhepunkten zeitweise gelangten, gingen immer Epochen voran, in welchen Beide, unbekümmert um einander, neben einander bestanden und in sich arbeiteten. - - ' ■ AuS dieser Betrachtung geht Zwiefaches hervor: Zuerst, - daß es niemals dem Materiellen gelingen' wird, das Ideale, dem Materialismus den Idealismus zu erdrücken und aus der Wett' der Menschen zu schaffen; aber ebenso wenig dem Idealen das Materielle, dem Idealismus den Materialismus zu verflüchtigen oder doch als die - bloße Sclrvenarbeit des Menschen hinunterzudrücken. 'Beide - als die großen Elemente der Menschennatur erkannt, sind aus dieser gar nicht zu vertilgen, und es 'ist daher''imNter geschehen, daß gerade während der vorwaltenden Herrschaft des Emen neue Keime des Anderen aufschossen', ja daß die Obmacht des Einen das Bedürfniß Nnd die Sehnsucht nach dem Anderen erst recht hervorrief-' Während - die Kurzsichtigen über die Verderbtheit - der Welt durch den Materialismus oder über die Verkehrtheft!und' Schattenhaftigkeit der ins' Ideale verlorenen Zeit klagten,: hatte bereits der Gegensatz mit neuer Energie zrft neuer Blüthe sich hervorgethan. — Zweitens aber erkennen wir, daß in der gegeNsettigen Bekämpfung dieser beiden ' Richtungen zwar die Erziehung und Entfaltung Beider in kräftiger' Frische beruht, ^nicht aber das Ziel gelegen sein kann, sondern daß sie endlich dazu kommen müffen, erstens sich gegenseitig zu d u r ch -- dringen und einander dienstbar zu sein, zweitens zur Ausgleichung, zu höherer Einheit und Harmonie zu gelangen. Um es nun kurz zu sagen, so ist unsere Ansicht, daß gerade unsere und die nächste Zeit berufen seien, diese gegenseitige Durchdringung heranzuführen und zu bewirken, an welche sich dann die Ausgleichung schließen werde. Indeß vorsichtig gemacht durch die großen Culturwechsel, die bereits in der Geschichte vor sich gegangen, wollen wir diese unsere Ansicht dadurch begrenzen, daß wir jene Durchdringung und dadurch ermöglichte Ausgleichung auf den Boden unserer jetzigen Culturwelt beschränken, da wir nicht wissen können, welche große, von uns jetzt ungeahnte Culturphasen auf den Trümmern der gegenwärtigen, gleich der mittelalterlichen nnd modernen Cültur auf den Trümmern des Alterthums eintreten können, die Hann Notwendiger Weise neue gewaltige Entwickelungsproceffe mit sich führen müssen. Diese gegenseitigeDurchdringung charakterisirt sich dadurch, daß durch den energischen Geist, der in alle, materiellen Verhältnisse' und Kreise eindringt, das gewissermaßen mechanische Fortleben der materiellen Arbeit beseitigt, der Schlendrian und die " ausgetretenen Wege verlassen, neue mächtige Bahnen eröffnet, eine gewaltige Bewegung im Großen und Kleinen hervorgerufen, jede mechanische Arbeit durch Erfindung und wissenschaftliche Ergebnisse gehoben, modificirt und gefördert werde, sodaß * alle Zweige der Industrie, Handel,. Gewerbe, Landbau rc. voller Ideen und wissenschaftlicher Ausbildung in die großartigste Gestaltung gebracht werden, und alles materielle Dasein eine geistige Unterlage und einen geistigen Inhalt erhält. Freilich wird es hierbei kommen, daß Anfangs Kunst und Wissenschaft als dienstthuend, als Mägde^ wie man sagt, erscheinen, und jede GetsteSthätigkett, die nicht sofort ihren praktischen Zweck 'hirrthrrt',''mißachtet" wird. Dies kann aber nicht lange dauern' und sich nur bei dem blöden Haufen erhalten.' Denn bald wird sich die "Einheit aller Geisiesthätigkeiten/ aller wissenschaftlichen Richtungen, aller künstlerischen Leistungen erweisen' und es klar werden, daß selbst ohne Philosophie und Poesie die Geistesbildung nicht bestehen kann und deshalb ohne sie der geistige Quell 49* ch

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.