Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 26 (1862)
- Issue
- Heft 48 (25.11.1862)
- Date
- 1862-11-25
- Page
- Seite 693 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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693 Berend ihre Aufmerksamkeit zu widmen. Ferner berichteten die Zeitungen: ,-Der im Aufträge der kaiserlich russischen Aerzte zu Charkow durch den hiesigen Sanitätsrath Dr. H. W. Berend hergestellte vollständige orthopädische Lehrapparat, bestehend aus 150 orthopädischen ' Apparaten und Maschinen, Gypsmodellen von Deformitäten und Photographien ist in diesen Tagen nach seinem Bestimmungsorte abgegangen, nachdem Herr Berend auf besondern Wunsch denselben den hiesigen Aerzten und Studirenden in zweien abgesonderten Vorträgen erläutert hatte. Der zu dieser Sammlung gehörige photographische Atlas, 84 Tafeln enthaltend, welcher die wichtigsten Verkrümmungsformen nebst den in dem Berend'schen gymnastisch-orthopädischen Institut erzielten Heilung, zur authentischen Anschauung brachte, erregte, als ein in so umfangreicher systematischer Weise zum ersten Male producirtes Werk, die ganz besondere Aufmerksamkeit der Fachgenossen. Die Universität Charkow wird somit die erste Hochschule sein, welche durch diese Hülfsmittel in; den Stand gesetzt ist, den gesummten wichtigen Zweig der Chirurgie methodisch zu lehren." Wir sehen hieraus, wie groß das Vertrauen zu Herrn Berend von den bedeutendsten Sachkennern ist, und hierin liegt die specielle Wichtigkeit für das Judenthum. In und durch Herrn Berend werden viele gegen dasselbe geschleuderte mittelalterliche Vorurtheile aufgehoben. Sein Institut, sein Wirken nach Außen, sein edler Charakter kann Vielen zum Muster dienen. . Für dieses mag wohl die größte Evidenz Folgendes sein: Als die hiesige jüdische Gemeinde im vorigen Jahre das allseitig anerkannte und durch seine Einrichtung berühmte Hospital gegründet hatte, sah sich der Vorstand nach einem tüchtigen Arzte um, dessen Leistungen einem solchen Krankenhause entspräche.! Darauf petitionirten mehr als fünfzig jüdische Aerzte, seine eigenen Berufsgenossen, zu Gunsten des Herrn Berend und sie erreichten ihren Zweck. Seitdem ist nun die Thätigkeit des Herrn Berend eine ungeheure und seine Muse auf einige Stunden Schlafs während der Nacht beschränkt. Wir wünschen dem so segensreich thätigen Äann zum Heil der Menschen ein langes Leben und diesem Leben eine immer größere Anerkennung. L. 8. Aus dem Aargau, 3. November. (Privatmitth.) Die Emancipation der schweizerischen Israeliten macht noch immer von sich reden. Der Regierungsrath hat nun auch beschlossen, die bekannte Frage über die von mehr als 9000 Unterschriften verlangte Abänderung des am 15. Mai gegebenen Gesetzes zur Abstimmung vor das Volk zu bringen. Wenn dies geschehen wird, ist noch unbestimmt. —. Der „Schweizerbote" enthält.folgenden Artikel „aus dem Aargau": „Unter der Ueberschrift : „Vergleichungen" sagt das „Züricher Jntelligenzblatt" : „Während man in der freien Schweiz alles Mögliche thut, um die Emancipation der Juden zu Hintertreiben und eine liberale Gesetzgebung möglichst unwirksam zu machen; während man jeden humanen Act der Behörden als Jndifferentismus bezeichnet, wenn er von den Satzungen der römisch-katholischen Kirche abweicht,, oder gar einer andern Religionsgenosfenschast zu Gute kommt, wie z. B. den Juden; während mit einem Wort in unserm sonst freien Vaterlande alles Mögliche gethan wird, um die Confessionen recht , schroff auseinander zu halten, und um Andersgläubige von dem vollen Genüsse der bürgerlichen Freiheit zu verdrängen undfieso viel als möglich zu unterdrücken; während man beständig bemüht, ist, die Religion mit der Politik, mit den bürgerlichen Einrichtungen und Schöpfungen zu vermischen und zu vermengen und in jeder freiern Verordnung in gewissen Cantonen sogleich Religionsgefahr wittert, das Haupt- und Schlagwort gerade derjenigen Partei, die beständig nach „Freiheit der Kirche" ruftwährend alles Dieses in unserer freien Schweiz offenkundig vor den Augen der ganzen Welt geschieht, betritt Rußland mit sicheren Schritten den Weg der politischen, socialen und religiösen Reformen. „Unter vielen andern wohlthätigen Neuerungen, die auf die Gesittung und Bildung des Volkes einen großen Einfluß ausüben werden, hat die russische Regierung auch die vollständige Emancipation der Juden beschlossen. Dieselben sind, zu allen Aemtern 'befähigt, und können als Professoren an der Hochschule, als Lehrer an allen Schulen, als Richter an den Gerichtshöfen rc. unbedingt angestellt werden. „Gegenüber einem so hochherzigen Beschlüsse einer Regierung, die doch einer streng orthodoxen Kirche, angehört, ist es mehr als kleinlich und engherzig von einem sonst freien Lande wie die Schweiz, wenn sie noch einen solchen Haß und eine solche Verfolgungssucht gegen Andersgläubige begünstigt oder offenbart-, wie das in jüngster Zeit im Aargau gegen die Israeliten ge- 48