Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1862-11-18 · Heft 47 (18.11.1862) · p. Seite 674

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
26 (1862)
Issue
Heft 47 (18.11.1862)
Date
1862-11-18
Page
Seite 674 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3226310-3226358--20784-3249871
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

«74 Christen erworben, den Zehnten an die Geistlichkeit leisten sollten, damit diese, deren Macht auf-Geld beruhte, keine Einbuße erleide, und schrieb darüber an den Bischof von Auxerre (Mai 1207). Sein Zwangsmittel gegen die Juden, um seinen Verfügungen Nachdruck zu geben, war der indirecte Bann. Da er über sie die Excommunication nicht verhängen durfte, so bedrohte er diejenigen Christen mit dem Bann, welche mit solchen Juden irgend einen Verkehr unterhielten, die sich seiner apostolischen Willkür nicht fügen mochten. „Ein Drohbrief, den Znnocenz an den judenfreundlichen Grafen von Revers erließ (Januar 1208), offenbart noch mehr als seine bisherigen Verfügungen seinen' tiefen Ingrimm gegen den jüdischen Stamm. Weil dieser Graf den Juden das Leben nicht sauer machte und sie nicht belästigte, schrieb der Papst an ihn: die Juden sollten wie der Brudermörder Kain flüchtig und unstät auf Erden wandeln, und ihre Gesichter müßten mit Schmach bedeckt sein.- Sie dürften von christlichen Fürsten keineswegs beschützt, sondern müßten im Gegentheil zur Knechtschaft verurtheilt werden. Es sei daher schändlich , daß christliche Fürsten Juden in ihre Städte und Dörfer aufnehmen, und sie als Wucherer benutzen, um durch sie von den Christen Geld zu erpressen. Sie (die Fürsten) nahmen die christlichen Schuldner der Juden in Hast, ließen die Juden christliche Burgen und Dörfer pfänden, und — was eben das Uebel ist — die Kirche büßt dadurch ihren Zehnten ein. Es sei ein Skandal, daß Christen den Juden ihr Vieh zum Schlachten, ihre Trauben züm Keltern geben, damit diese vorweg davon' das nach ihren Religionsgesetzen Bereitete für sich nehmen könnten und das Uebrige den Christen überlassen. Eine noch größere Sünde sei es, daß der von Juden auf diese Weise bereitete Wein zum Sakrament des Abendmahls für die Kirche gebraucht werde. Werden die Christen von den Geistlichen wegen ihrer Begünstigung in den Bann gethan und ihr Land mit dem Jnterdict belegt, so lachen sich die Juden ins Fäustchen, daß ihretwegen die kirchlichen Harfen an die Weiden gehängt werden, und die Geistlichen wahrend des Bannes um ihre Einnahmen kommen. Jnnocenz bedrohte in diesem Hirtenbriefe den Grafen von Revers und seine Gesinnungsgenossen mit den schwersten Kirchenstrafen, falls er auf diesem Wege, die Juden zu begünstigen, sortfahren sollte. Er war der erste Papst, der die gallige Wuth und unmenschliche Härte der verfolgungssüchtigen Kirche gegen die Juden kehrte. Alles an ihnen erregte seinen Ingrimm gegen sie; er gönnte ihnen kaum Lust und Licht, und nur eine trügerische Hoffnung hielt ihn zurück, einen Kreuzzug und Vernichtungskrieg gegen sie zu predigen." — Ferner: „Philosophische Schriften, welche von Spanien nach Frankreich gebracht wurden und die christliche Theologie hätten befruchten können, unter Anderm auch die im Auftrag eines Erzbischofs übersetzte Religionsphilosophie des jüdischen Denkers Salomon GMrol, wurden von der Pariser Synode verpönt und zu lesen verboten. kaum anbrechende Licht unter den Völkern Europas wurde von den Vertretern der Kirche ausgelöscht. Die Juden Südfrankreichs und Spaniens waren noch die einzigen Priester der höhern Wissenschaft. „Aber die Kirche gönnte ihnen diese Gehobenheit nicht; sie arbeitete mit allen Kräften daran, sie zu demüthigen. Das Concil zu Avignon (September 1209), präsidirt von dem päpstlichen Gesandten Milo, auf welchem der Graf Raymund von Neuem mit dem Bann belegt und die härtesten Maßregeln gegen die Ketzer beschloffen wurden, bestimmte, daß alle Barone und freien Städte einen Eid ablegen sollten, Juden keinerlei Amt anzuvertrauen und keinen christlichen Dienstboten in jüdischen Häusern zu lassen. Ein Canon dieses Concils verbot den Juden nicht nur am Sonntag und. christlichen Feiertagen öffentlich zu arbeiten, sondern auch an christlichen Fasten Fleisch zu genießen. — Ueberall fühlten die Juden die schwere Hand des Papstthums, die sich ungehindert ausstrecken konnte, sie in den Staub zu drücken. —" Zeitungsnachrichten. Deutschland. Vom Main, 9. November. (Privatmitth.) Sie haben bereits in einer kurzen Notiz bemerkt, daß das Unternehmen des Herrn Dr. Stein in Frankfurt am Main, eine Erziehungs- und Schulanstalt für Mädchen zu gründen, bereits als gelungen anzusehen ist. Stein nimmt in der Reihe unserer hervorragenden Männer eine solche Stelle ein, und sein Schicksal interessirt so sehr, daß, selbst abgesehen von dem Interesse, welches jedes^ neuaufblühende pädagogische Institut für Israeliten hat, einige weitere Bemerkungen über Stein's Anstalt, nachdem Berichterstatter sich mit eignen Augen davon überzeugt hat, wohl am Platze sein mögen. Sie Haben schon bemerkt, daß die Anstalt mit 24 jüdischen und 8 christlichen Zöglingen eröffnet ist. Die Haupt-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.