Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 26 (1862)
- Issue
- Heft 47 (18.11.1862)
- Date
- 1862-11-18
- Page
- Seite 672 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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V72 dann als Jude. sich - dieselbe genommen - sehen. Die Reaction, die, in den' Zwanziger Jahren^ in Blüthe trat, suchteseinen -Glaubensgenoffen alle - die alten Bürden auf die vielbelrdenen Schultern .zu legen;' die- Strömung der Zeit ging in heftigen Wellen wider sie. Aber der Gedanke der Emancipativn -war in - ihnen geweckt, und indem.'sie von der Humanität der Herrschenden noch die Gerechtigkeit wie . eine Gnade erbaten, mußten die Gebildeteren unter ihnen über Mittel nach sinnen, sich die versagte Anerkennung zu erringen, sich der verlangten Wohlthaten auch würdig zu zeigen. Es mußte Etwas geschehen, die Verwahrlosten moralisch zu heben, Bildung unter ihnen zu verbreiten, ihnen vor Allem den soliden-Erwerb des Handwerks näher zu bringen. Von diesem Gedanken belebt,-wurde Haindorf der Stifter eines zunächst über Westphalen sich ausdehnenden Vereins,? der sich etwa 1825 bildete und sich die Beförderung von Handwerkern unter den Juden , und die Begründung einer. Schulanstalt/ worin arme und verwaiste Kinder unterrichtet und künftige jüdische Schullehrer ausgebildet werden sollten,, zur- Aufgabe machte. Im Jahre 1834 wurde dieser Verein - auch über die Rheinlands ausgedehnt; er heißt jetzt : „Verein -für Westphalen und Rheinprovinz zur Bildung von Elementarlehrern und Beförderung von Handwerken und Künsten unter den Juden." : . Die zweifache Thätigkeit> welcher sich der Verein widmete, ist damit angedeutet. Er brachte arme Knaben bei Handwerksmeistern als Lehrlinge unter, und er gründete eine Schule nebst einem Lehrer-Seminar; die Stadt Münster aber, wo diese Schule errichtet wurde, zeigte bald darauf das eigenthümliche Phänomen, daß die jüdische Vereinsschule die besuchteste in ihren Mauern war, daß fast alle gebildeteren christlichen Familien derselben ihre Kinder anvertrauten. Dieses Verhältniß dauerte bis zum Jahre 1840. Der Verein fand auf allen Seiten Anerkennung, die Förderung der Behörde,, und. vielfache Beiträge. Haindorf's Schwiegervater, der Rentner Marks zu Hamm, dotirte ihn mit einer Summe von 25,000 Thalern; aber der Leiter, Erhalter, die Seele-des Ganzen blieb immer der ursprüngliche Stifter, der mit vollen Händen dafür hergab und vorschoß und Vorträge hielt und unterrichtete, und sich-mühte, tüchtige Lehrkräfte zu gewinnen, Leute wie Annegarn, den Consistorialrath Daub und viele Andere. Die Schule hat im Allgemeinen, den Charakter einer Realschule mit- Elementarclaffen. Seit 1840, wo andere Schut-Anstalten in der Stadt - organisirt -wurden, ist der konfessionelle Charakter hervorgetreten. v: Bis heute hat der Verein an 200 Ahrer ausgebildet 'und während ihres zwei- bis dreijährigen Aufenthaltes in der Anstalt auf'seine Kosten erhaltest und ernährt. Die Zahl der auf Kosten des Vereins zu Handwerkern ausgebildeten' jungeN'LeUte beträgt 318. Er besteht in fortwährender Wirksamkeit; nach dem Tode des Stifters hat dessen Schwiegersohn, der Rittergutsbesitzer Löb auf Caldenhof, die obere Leitung übernommen. Ein anderes Verdienst hat Haindorf sich um die Kunst erworben. Mit einer aufrichtigen, sein, ganzes Gemüth durchdringenden Liebe für die Kunst hat er gesammelt, von dem Untergange gerettet, wiederhergestellt, aus der Verkommenheit hervorgezogen., was ihm erreichbar, war. Seine reiche, an, 400 Nummern starke Gemälde-Sammlung, worunter Werke der ersten Meister, namentlich der niederländischen und deutschen Schule, ist zahlreichen Kunstfreunden bekannt. Sammlungen von allen Arten anderer Kunstarbeiten, z. B. der sämmtlichen A. Dürer'schen Stiche, schließen sich an dieselbe an. Zu dem, was Haindorf der Erhaltung wieder gewann, gehören unter Anderm drei Bilder des für Westphalen so bedeutsamen Liesborner Meisters; eines davon hat Passavant ausführlich beschrieben. Bon diesen Sammlungen, die ihm eine immer frische Quelle des Genusses waren, umgeben, brachte Haindorf in Hamm, der Familie seiner einzigen Tochter, nahe, den Abend seiner Tage zu, bis sein Lebenslicht, diese stille, milde und reine Flamme, am 16. October dieses Jahres erlosch, nachdem sie 80 Jahre gewährt und in dieser, langen Zeit ihren tröstenden Schein auf so manchen dunklen Lebensweg geworfen. Wer ihn gekannt, der ruft ihm bewegt nach: ,. .. : Mann ohne Falsch und mit der offenen Hand, Drin wie Demant der Wittwe Heller blinken, Sanft soll der Thau auf deinen Hügel sinken, Und leicht, leicht sei dir das. geweihte Land — mag es immerhin auch ein mäßiger Wunsch sein, dieses: sit illi terra levis! das zuerst irgend ein alter Römer mit mehr Trauer und Wehmuth als Unsterblichkeits-Hoffnungen in der Brust am Grabe eines Freundes sprach. Die Erde wird Den nicht drücken, der unter ihr gebettet ist. Das, was den Menschen drückt, ist weit mehr die Luft, die über ihm liegt, - so. lange er auf der Erde wandelt. Und für wie Viele würde dieser Druck der Lebensathmosphäre ein unerträglicher sein, wenn es nicht Gemüther