Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 26 (1862)
- Issue
- Heft 47 (18.11.1862)
- Date
- 1862-11-18
- Page
- Seite 671 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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671 chen bezeichnet?, die dann oft der Wind verweht, oder Vorübergehende-fortgeworfen hatten, in solchem Alter mußte er durch Wetter und Wind auf die umliegenden Dörfer Pas geschlachtete Fleisch austragen. Aber lerneifrig war der Knabe daM, wie verjünge Duval; schon in seinem achten Jahre chatte er bei einem polnischen Bachur oder Talmudschüler, wie sie sich früher in Deutschland zahlreich umhertrieben, so viel Hebräisch in Bibel, Raschi, Mischnah gelernt, daß er in diesem Alter eine selbst gearbeitete „Deraschah" oder Rede hielt, zum freudigen Erstaunen der Eltern. — Die letzteren starben: der Knabe kam zu , Großeltern nach Hamm, und hier hieß es, seine Kost verdienen, zu handeln, mit schweren Packen über Land gehen... Trotz dieser niederdrückenden, grausamen Existenz jedoch blieb in ihm der mächtige geistige Trieb, der Durst nach Wissen, lebendig) Alles, was er irgend erschwingen konnte, wurde einem Regiments-Schulmeister zugetragen, der ihm dafür an Wissenschaft beibrachte, was er eben selber verstand. Und nur mühsam und kärglich waren zu diesem Lernen freie Stünden zu gewinnen: heimlich, des Nachts, in den entlegensten Winkeln des Hauses las er die deutschen Bücher, die als religionsgefährlich damals noch streng unter seinen Glaubensgenossen verpönt waren) ja, sogar unter dem tief über den Kopf gezogenen Gebetmantel studirte er eifrigst heimlich die lateinische Grammatik. Botengänge, die ihm aufgetragen waren, legte er, um die Lernstunden nicht zu versäumen, in dunkler Nacht zurück, oft bis nach Elberfeld und von da heim. Endlich aber wurde der Aermste über seinen verbotenen Beschäftigungen ertappt. Man fand ihn eines Tages in einer großen leeren Federtonne, in dem Buche: »Kamptz, der gestirnte Himmel"- lesend. Nun sollte er unbarmherzig aus dem Hause verstoßen werden, weil er ein Abtrünniger in Israel fei und sich taufen lassen wolle. Nur ein Zufall und dessen entschlossene Benutzung rettete ihn. Der Schächter des Ortes hatte das Vertrauen der Gemeinde eingebüßt. . In seiner Noth erbot sich Haindorf, die Schächtregeln zu erlernen und den Posten auszufüllen. Unter dieser Bedingung wurde ihm dann der Besuch deS Gymnasiums erlaubt. Das Schächtmeffer des Gymnasiasten mußte Bürge sein für seine Treue - im Glauben der Väter! Dann siel ein Sonnenblick in das Leben des so heiß um die Wissenschaft ringenden jungen Mannes. Der Obervorstehender Grafschaft Mark, ein reicher, gebildeter, kunstsinniger Mann, ward auf ihn aufmerksam, nahm ihn zu sich ins Haus> - ließ. ihn die Gymnasial - Elasten durchlaufen und endlich die. Universität besuchen, um.Medicin zu studiren) in Würzburg, Erlangen, am großen Hospital zu Bamberg/.und zu Heidelbergwo Haindorf sich, nachdem er . eine Preisfrage-gelöst, als Privatdocent niederließ. Er hielt hier Vorlesungen über Pathologie, muwris meäies und Psychologie,-.schrieb einen »Versuch einer Pathologie und Therapie der Geistes - und Gemüthskrankheiten (Heidelberg, 1811)" und ging dann zu seiner weiteren Fachausbildung nach Frankreich. Nachdem er zwei Jahre lang sich in den Lehr- und Heil- Anstalten von Paris heimisch, gemacht, veranlaßt ihn der Krieg zur Heimkehr... er hatte daheim eine Braut zurückgelassen, und er kam mitten im Kriegsgetümmel noch rechtzeitig an, um die besorgtenSeinigen zu beruhigen und sie in der wilden Bewegung von flüchtigen französischen und von deutschen Truppen und Kosaken vor den Vexätionen, denen jedes Haus damals ausgesetzt war, mit seiner jungen Kraft und Gewandtheit schützen zu helfen. Haindorf's äußerer Lebenslauf wurde von nun an ein sehr einfacher. Er ward Arzt in Minden» darauf Privatdocent in Göttiugen, wo er sein bedeutendstes Werk herausgab, die „Beiträge zur Culturgeschichte der Medicin und Chirurgie Frankreichs und vorzüglich seiner Hauptstadt, mit einer Uebersicht ihrer fämmtlichen Hospitäler und Armen - Anstalten." — Bald darauf kehrte er nach Preußen zurück und ward - nachdem er in einigen anderen Stellungen gewirkt, züm Professorder Medicin und Chirurgie an der Akademie zu Münster ernanntin welcher Thätigkeit er blieb, bis im Jahre 1847 die chirurgische Lehr-Anstalt zu Münster ausgehoben wurde. Daneben war er ein vielgefuchter praktischer Arzt, und literarisch für seine Wissenschaft thätig) ein Zeugniß davon ist das Werk:„John Reid, Versuche über-hypochondrische und andere Nerven-Affectionen. Aus dem Englischen übersetzt mit Anmerkungen und Zusätzen." (Essen, 1819.) Haindorf's eigentlichstes Verdienst aber fällt in die Zeit nach den Freiheilskriegen. Deutschland war von dem bösen französischen Joche befreit, die Juden hatten an dem Sturme, derdurchs Land geZangeü) redlich Theil genommen, ohne Ahnung, wie schlimrn für sie die neue .Aera nationaler Freiheit ausfallen sollte. Unter der Fremdherrschaft waren ft emancipirt, sie trugen damals wie jeder andere Soldat.den Marschallsstäb im Tornister. Jetzt konnte ein Mann wie Haindorf nicht einmal mehr Stabsarzt bei einem Lazareth sein-er hatte eme solche Stelleein Jahr lang treu verwaltet-und mußte 47*