Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 26 (1862)
- Issue
- Heft 46 (11.11.1862)
- Date
- 1862-11-11
- Page
- Seite 658 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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658 Sitzung des Curatoriums am 29. .September d. I. beigewohnt. Nach Beendigung der Sitzung, über welche ich weiter unten berichten werde, war es mein, erstes Geschäft, das seiner Vollendung nahe Waisenhaus zu besichtigen. Wie erstaunt war ich aber, als ich statt eines Hauses eine'n kleinen Palast vorfand. Letztere Bezeichnung verdient das Gebäude in der That, indem es außer hem Erdgeschosse in drei Stockwerken eine Reihe'von Sälen und salonartigen Zimmern aufzuweisen hat. Mt den finanziellen Verhältnissen des Instituts noch gänzlich unbekannt, erkundigte ich mich bei den mich begleitenden Mitgliedern des Curatoriums, woher denn die Mittel zu einem solchen Prachtbau genommen seien, worauf man mir erwiderte, daß die Gründerin und Directorin der Anstalt, Fräulein Fanny Nathan, seit langen Jahren unablässig bemüht gewesen sei, ein Capital zu beschaffen, und daß es ihr mit den größten persönlichen Anstrengungen gelungen sei, durch Spenden wohlthätiger Glaubensgenossen eine Summe von 13,000 Thlrn. zusammen zu bringen. Wahrlich, eine solche That von einem schwachen Weibe vollbracht, verdient in den Annalen der Geschichte der Juden zum ewigen Nachruhm verzeichnet zu werden, und wird gewiß Jeder in den Wunsch einstimmen, daß der Segen Gottes auf dem Werke ruhen und die Gründerin noch lange Jahre Freude an ihrem Werke erleben möge! Auf mein Befragen, ob denn diese Summe ausgereicht habe? erfuhr ich, daß nicht allein sämmtliches Capital verbraucht sei, das Curatorium sich vielmehr genöthigt sehe, zur Vollendung des Baues und zur inneren Einrichtung eine Anleihe von einigen Tausend Thalern, gegen Verpfändung des Grundstückes, zu machen. Auf . meine Bemerkung, daß es doch wohl zweckmäßiger gewesen wäre, wenn man zum Anfang ein Haus gemiethet, oder doch nur ein solches, wie es für das nächste Bedürfniß erforderlich sei, etwa für die Hälfte des angewandten Capitals, gebaut hätte, antworteten meine Begleiter mit Achselzucken.' Dieses Achselzucken, meine weiteren Fragen, sowie Das, was in gedachter Sitzung vorgekommen war, überzeugten mich, daß eine arge Spaltung zwischen den Mitgliedern des Curatoriums bestehen müsse, welche dem frommen Werke gewiß nicht zum Vortheil gereichen kann. Für die Sitzung am 29. September war als wichtigster Gegenstand auf die Tagesordnung gesetzt: „Contract mir Fräulein Nathan wegen Beköstigung und Verpflegung der Waisen", indeß war Fräulein Nathan nicht erschienen und mußte die Vollziehung des Contracts vertagt werden. ' Es war jedoch ein Schreiben dieser Dame, an den Herrn Landrath Grasso gerichtet, eingelaufen, worin sie mittheilte, daß sie weder an der heutigen noch an der künftigen Sitzung Theil nehmen werde, wenn nicht ihrem Anträge, daß Herr Löwenbach den Vorsitz im Curatorio niederlege, entsprochen werde. Es wurde nun einstimmig beschlossen, daß auf den Antrag des Fräulein Nathan nicht eingegangen werden könne, da weder statutenmäßige noch persönliche Veranlassung dazu vorliege. Ferner wurden die Zahlungen für verschiedene theils ausgeführte, theils noch in der Ausführung begriffene, von Fräulein Nathan angeördnete Arbeiten, nachträglich genehmigt, jedoch mit dem ausdrücklichen Vorbehalt, daß Fräulein Nathan sich von nun an bei Anschaffungen für das Waisenhaus den .Statuten unterwerfe und nichts besorge, was nicht vorher vom Curatorio genehmigt sei, sowie ferner, daß Fräulein Nathan über die von ihr für das Waisenhaus gesammelten Gelder Rechnung lege und die Bestände abliefere. Die Nothwendigkeit solcher Beschlüsse beweist die Mißstände in der Verwaltung. Möchten diese Mißstände doch recht bald ein Ende nehmen; möchte Fräulein Nathan, der die Ehre der Begründung und Ausführung gebührt, die Ueberzeugung gewinnen, daß durch das Ausgeben vermeintlicher Rechte ihr diese Ehre nicht geschmälert wird. Möchte sie ferner sich überzeugen, daß allen Mitgliedern des Curatoriums ebenso wie ihr das Gedeihen der Anstalt am Herzen liege, und daß keines derselben ihren billigen Wünschen, sofern solche zum Heil der Anstalt gereichen, entgegen treten werde. Wenn meine Zeilen eine günstige Aufnahme finden, so werde ich meine Berichte von Zeit zu Zeit erneuern. S. Dreher. Bemerkung der Redactiön. Die Anstalt, welche der vorstehende Bericht-betrifft, ist von zu großer Bedeutung, als daß wir jenem nicht die Aufnahme gewähren mußten. Dennoch gestehen wir offen, daß uns ebenso sehr der unglückselige Zwiespalt, wie die Veröffentlichung desselben betrübt, da hierdurch die in raschem Aufblühen begriffene Anstalt uns sehr gefährdet scheint. Jedenfalls muß auf beiden Seiten gefehlt worden sein.. Denn hätte das löbliche Curatorium von