Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1862-11-11 · Heft 46 (11.11.1862) · p. Seite 659

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
26 (1862)
Issue
Heft 46 (11.11.1862)
Date
1862-11-11
Page
Seite 659 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3226310-3226357--20768-3249854
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

659 Anfang an den strengen Geschäftsgang ein gehalten, so würden Ausschreitungen von keiner Seite möglich gewesen sein. Unser Wunsch und unsere Bitte geht deshalb dahin, daß man über frühere Unzukömmlichkeiten hinweg gehe, und für die Zukunft den statutenmäßigen Weg von allen Seiten streng einhalte. Denn man erwäge wohl, daß das großartige Werk durch kleinliche Rivalitäten völlig in Stocken gerathen könnte, und daß es für die Behörden wie für das Publicum einen widerwärtigen Anblick giebt, über dem eben begonnenen Werke Hader und Spaltung erstanden zu sehen, während es doch nur ein Werk der Wohlthätigkeit und des Friedens sein soll. Oesterreichischer Kaiserstaat. Krakau, 19. October. (Privatmitth.) Am Abend des 15. d. M. brach hier im Judenviertel ein arger Lärm aus, der in demselben einen panischen Schrecken verbreitete. Zwei rohe jüdische Trödler, denen es darum zu thun war, ihre athletische Kraft zu beweisen, schleppten zwei Soldaten die Treppen eines dreistöckigen Hauses hinunter, um mit ihnen einen argen Kampf zu beginnen. Die Gemißhandelten holten über 50 ihrer Kameraden zusammen, welche lärmend die ganze Judenstadt durchstürmten, die Fenster einschlugen' und anderen Unfug trieben. Besonders in der Nähe des alten Friedhofs wurde der Kampf zwischen den Soldaten, die ihre Bahonnette gebrauchten und den Juden, die mit Keulen bewaffnet waren, aufs Erbittertste fortgesetzt, und hatte viele Verwundungen auf beiden Seiten zur Folge. Erst nach drei Stunden gelang es dreien Compagnien Infanterie, welche Se. Excellenz, der Feldmarschalllieutenant Bamberg, dem wir dafür den innigsten Dank wissen, herbeicommandirte, die Ruhe wieder herzustellen und den Excessen ein Ziel zu setzen. — Die innere Entwickelung der hiesigen Gemeinde geht nach allen Richtungen hin nur rückwärts. So lange die Verwaltung der Gemeindeangelegenheiten, die Administrirung aller Anstalten in den Händen von Chassidim ist, kann es auch gar nicht anders sein, da denselben jede Annäherung an die Culturstufe unserer Zeit ein Gräuel ist. Das größte Nebel ist, daß auch aus der Fremde solche Heuchler hierherkommen, wie sich seit einiger Zeit aus Russisch-Polen ein sogenannter „heiliger Mann" hier niedergelassen und wohl ein Achtel der Gemeinde an sich gezogen hat, dem er mitternächtliche Erscheinungen vorspiegelt, sowie daß er befähigt sei, in das Schicksal der Menschen wunderbar einzugreifen. Unter Anderem erzählt er von dem Besuche verstorbener Heiligen, die ihm die Geheimnisse der Kabbala eröffnen, und alles Dies glaubt ihm der wundersüchtige Pöbel. Die nächste Folge davon ist, daß sich eine große Menge von Personen aus der untersten Schicht vom Rabbinismus lossagt und alle früher so eifrig geübten Gebräuche in den Wind schlägt, ferner daß viele Männer den ganzen Tag an den chassidischen Orgien und Vorträgen Theil nehmen, ihren Erwerb vernachlässigen und Weib und Kind ins Elend stürzen. Außerdem flößt der Chassidismus seinen neuen Anhängern sofort einen fanatischen.Haß gegen jeden Andersdenkenden ein; sie belauern Jeden, der mit ihnen in Berührung kommt, über seine geheimsten Gedanken und befeinden ihn aufs Bitterste, wenn sie etwas gegen den Chassidismus in ihm wittern. Bei solchen Zuständen wird es nicht auffallen, wenn das ganze Gemeindewesen schwer darniederliegt, und wäre es wohl die Pflicht der hiesigen Deutschen, kräftig dagegen einzuschreiten, besonders aber die Verwaltung der Wohlthätigkeitsanstalten aus den Händen chassidischer Anhänger zu winden und unter die Controle verständiger und wohlgesinnter Menschen zu bringen. Sehr wichtig wäre es, einen Stipendienverein für Studirende zu gründen, damit diese der Mangel an Mitteln nicht zwinge, ihre Studien aufzugeben und zum Schacher zurückzukehren. Lemberg, im October. (Privatmitth.) Die allgemeine Befürchtung, welche sich vor einiger Zeit in den gebildeten Kreisen unserer Gemeinde kundgegeben, daß nämlich der neu gewählte Vorstand seinen Einfluß zum Umstürze der bei uns ohnedies nicht schnell genüg vor sich gehenden Reform geltend machen wird, war zum Glück aller Bessergesinnten und zum Lobe dieses Vorstandes eine ganz ungegrnndete. Vielmehr zeigt sich in der Thätigkeit der Vertreter unserer Gemeinde das lobenswerthe Bestreben, die bestehenden Institute zu fördern. Zunächst ist es Herr vr. Landesberger, der das Lob der Gemeinde im Allgemeinen und der Tempelgemeinde insbesonders dadurch verdient, daß er durch die Berufung eines Predigers die verwaiste Kanzel unseres Tempels, zu besetzen bemüht ist. Möge es ihm, sowie den andern Männern, welchen die Gemeinde die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.