Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 26 (1862)
- Issue
- Heft 46 (11.11.1862)
- Date
- 1862-11-11
- Page
- Seite 655 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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655 Was wir mit der Anführung dieses Vorganges beabsichtigten? Nichts als ein so recht eclatantes Beispiel zu geben, wie es in der menschlichen Gesellschaft nicht auf günstige oder ungünstige Persönlichkeiten, Umstände und Ereignisse ankommt, sondern daß ein Princip in der Entwickelung der Zeit sich allmählig Bahn breche und vollständig durchdringe. Glückliche Umstände, begabte Persönlichkeiten sind die Werkzeuge der göttlichen Vorsehung, um in den Geistern der^ Menschen das Bewußtsein der Wahrheit und des Rechts immer von Neuem zu wecken und diese als solche immer mehr zur Anerkennung zu bringen. Aber zur Verwirklichung derselben bedarf es der großen Entfaltung und Umwandlung des Geistes; das Recht muß erst zum Principe werden, das in allen Geistern lebt, das ihnen zur Luft des Lebens geworden, sodaß sie ein Anderes gar nicht kennen und begreifen. Bevor dies geschehen und geworden, wird es immer nur bei vorübergehenden Versuchen bleiben, denen Rückfälle immer wieder folgen, Rückfälle, die sich um so grausamer fühlbar machen. Nehmen wir ein Beispiel aus der modernen Geschichte. Bei sorgfältiger Prüfung wird es sich ergeben, daß in Frankreich das Princip der allgemeinen Gleichheit vor dem Gesetze und in. der Gesellschaft vollständig herrschend geworden, während es in England noch gar nicht den Raum gefunden, den man voraussetzen könnte. Dahingegen hat das Princip der persönlichen Freiheit in England die höchste Stufe erreicht, die in einer "gesetzlich geordneten Gesellschaft dafür möglich ist, während es in Frankreich noch den vielfachsten Beschränkungen und mannigfacher Willkür unterworfen ist. Wie sehr auch Napoleon I. und alle nachfolgenden Regierungen in Frankreich Kastengeist und Standesvorrechte wieder zu wecken gesucht, es gelang ihnen nicht, und noch heute tritt der obscurste Franzose, wenn er durch eine Kriegsthat, eine bedeutende Erfindung oder Entdeckung ein wichtiges industrielles Unternehmen oder eine große Leistung auf dem Gebiete der Wissenschaft, Kunst und Literatur sich ausgezeichnet hat, alsbald neben den Duc oder Prince, neben den Comte oder den Marquis und alle Belohnungen, welche die Gesellschaft zu ertheilen hat, fallen ihm zu. Ebenso existirt keine Gesellschaft, von welcher ein Individuum, dqs sich darnach zu benehmen weiß, ausgeschlossen wäre, dies Alles ist in England noch lange nicht der Fall, während hingegen der Engländer seit den Jahrhunderten, in welchen er feine Habeas-Corpus-Acte besitzt, die persönliche Freiheit jedes Individuums als das höchste Gut betrachtet, und der niedrigste Arbeiter darin dem höchsten Peer nicht um eine Linie breit, nachsteht. Jedermann sieht aber leicht ein, daß die Umgestaltung einer Idee zu einem das ganze Leben beherrschenden Principe auf politischem wie religiösem Gebiete nur eine sehr allmählig heranreifende und sich völlig durchbildende sein kann, daß zu ihr eine lange Kette von Ereignissen, Persönlichkeiten und durchzulebenden Zuständen nothwendig ist, daß, bis sie ihr Ziel erreicht, ein mannigfaltiger Wechsel, ein dauernder Kampf, sich ablösende Siege und Niederlagen nothwendig: find, und daß es daher nur Kurzsichtigkeit ist, welche von einem glücklichen Momente sofort die unwandelbare Herrschaft, von einer ungünstigen Wendung den dauernden Sturz einer Rechtsidee oder eines Wahrheitsgedankens erwartet, eine Kurzsichtigkeit, die freilich darum leicht und zu entschuldigen ist, weil der Mensch immer geneigt ist, was er wünscht oder fürchtet, verwirklicht zu sehen. Was - nun hieraus als eine Pflicht und Mahnung erfließt, ist, daß Jedermann, welcher einer bestimmten Richtung angehört, vorzugsweise darauf denken und wirken muß, daß die Idee, in die er eingewurzelt, immer mehr unter den Geistern verbreitet», in sie hineingesäet, in ihnen gereift werde. Jemehr dies gelingt, desto sicherer kann man des Erfolges sein. Wer sich hingegen an Personen, an einzelne Punkte, an theilweise Facten oder gar an Ereignisse hängt, wird sich immer getäuscht finden, da durch diese nur eine theilweise, mittelbare und wandelbare Förderung geschieht. Das Princip ist es, und dieses muß zur Geltung und Verwirklichung gebracht werden; von diesem aus muß das Geschehene und Zuvollbringende beurtheilt werden. Es ist ein großer Nachtheil, daß es so wenige Principienmenschen giebt, und immer hat es sich bewährt, daß nur ein solcher von dauerndem Einflüsse ist, und selbst bei den Gegnern zur Anerkennung kommt. . . Erklärung. Herr Alexandre Weill in Paris sagt in den Arcli. Israel, bei Gelegenheit einer Recension: „Wenn man bedenkt, daß die große Majorität der deutschen Juden entweder wüthend oder voll Scham ist, Juden zu sein (sont ou turieux vu lronteux cl’ötre juifs), wenn may bedenkt, daß Herr Philippfon selbst verweigerte, in die Allisnee israülita universelle einzutreten, aus Furcht 46*