Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 26 (1862)
- Issue
- Heft 45 (4.11.1862)
- Date
- 1862-11-04
- Page
- Seite 644 (sequence 8)
- Language
- German
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Grunde gegangen ist. In den verschiedenen sefara bischen Gebetbüchern existirt nämlich keine Einigkeit in dieser Vocalisirung und da das ganze Baruch scheamon dort in wilden Responsen chormäßig vorgetragen wird, so suchten täglich und besonders am Sabbath die Chay- Sänger die Che-Sänger zu überschreien und so vice V6I-80. Beide Banden hatten sich jeder an einer andern Seite der Synagoge zusammen gestellt und so gab es alle Tage Spektakel, zuletzt Verbal- und dann auch Real-Injurien, die den Streit vor die Gerichte brachten. Viel Gemeindegeld wurde verprozessirt und die Folge war, daß die anständigeren Familien immer mehr und zuletzt ganz vom Gottesdienst fortblieben und die Gemeinde, die damals 60 bis 80 Familien zählte, völlig verfiel. Erst in den letzten Lustren hat sie sich, obwohl vermindert an Zahl, wieder angefangen sich zu heben. Uebrigens war es nicht etwa der Fall, daß irgend Jemand von der CH6ooer der Ch.ay - Parthei gar gewußt hätte, um was es sich handelte, ob z. B. etwa Pantheismus in der angegriffenen Lesart verborgen sei, im Gegentheil: sie waren an grober Ignoranz einander völlig gleich. Die Correspondenz zwischen Heinrich Heine und Moses Moser, inhaltlich freilich ohne literarische Wichtigkeit, zeigt dennoch deutlich wie recht die Welt hat, Heine gänzlich zu den jüdischen Schriftstellern zu zählen. Auch erfährt man, woher Heine die vielen, fast immer correcten Details aus dem alten deutsch-jüdischen Observanzenleben, das er doch nie in voller Nähe gesehen, kennen gelernt hat. Mayhew's neues Buch über die Criminal-Systeme englischer Gefängnisse enthält folgende Bemerkung über die jüdischen Diebshehler in London (ke11icoat-I,kme, Houndsditch etc.): „Der Jude, der die gestohlenen Sachen kauft, ist ein höchst regelmäßiger Synagogen- Besucher und trägt die mosaischen Gebote auf seiner bloßen Haut; aber er stellt an seinen Verkäufer keine Fragen und hat immer einen Schmelztiegel auf dem Feuer stehen. Seine Töchter sind jetzt wie indische Götzenbilder: alles Gold und Dreck; aber Sonnabend kann man sie in Aldgate im modernsten Styl paradiren sehen. Der Alte aber hinterläßt der Rachel und. der Ruth endlose Haufen Geldes, wenn er — wie er meint — in Abrahams Schooß ausgenommen wird." Die Originale zu diesen Portrait- (siehe Psalm 50) sind leider in jenen Gegenden Londons nicht gering an Zahl und man hat bis jetzt nicht gehört, daß der hoch- 644 würdige Oberrabbiner einen Bann über sie gesprochen oder chie Verschwägerung mit ihnen inhibirt habe. Ueberhanpt haben die im Allgemeinen so streng religiösen Juden Englands sehr wenig geleistet, nachdem sie so lang im unangefochtenen Besitz bürgerlicher Freiheit sind. Ihre Söhne stüdiren nicht auf Universitätensie treten nicht ins Militär, nicht in die Marine, in das Lehrfachs in die Academieen; ihre Töchter werden keine Künstlerinnen in irgend einer Branche, mit Ausnahme einiger Novellistinnen. Nicht einmal bedeutende Fabrikanten giebt es unter den englischen Israeliten. Dahingegen ist die köhlerhafteste Orthodoxie bei ihnen in einem solchen Grade vorherrschend, daß selbst diejenigen unter ihnen (es ist hier überhaupt nur von einheimischen Engländern die Rede), welche freier denken und leben, ohne allen Einfluß sind. ' Es ist nicht die Absicht, sich jetzt hier darüber auszusprechen, ' ob die orthodoxe Wortheiligkeit in allen Religionssecten ein Brütofen nichtsnutziger Tendenzen sei; allein wenn, wir diese englischen Zustände, zusammengestellt mit den' holländischen m s. w., betrachten, so können, wir Gott nicht genüg danken, daß eruns Deutschen die bürgerliche Emancipation nicht ohne schwere und böse Kämpfe, und in gleichzeitiger Verbindung mit dem Fortschritt unserer.religiösen Befreiung, allmälig hat zükommen lassen. - Von dem verstorbenen Holdheim sind 4 Predigten im Druck erschienen, deren letzte „Etwas Mehl" betitelt, die Vernachlässigung der Sonntagsfeier in der Berliner Reformgemeinde behandelt, und den Sonntag als den überlebenden vollbärtigen Bruder des mit Tode abgegangenen S a b b a t h s - darstellt, der nun bei Strafe des Anspeiens die Leviratspflicht auszuüben habe. Das Heißt doch die Allegorie ein wenig weit treiben! Vom Taunus, 20, October. (Privatmitth.) Am verflossenen zweiten Neujahrstage ist der Rabbiner Dr. Sobernheim zu Bingen mitten in einem Vortrage auf der Kanzel von einem Schlagayfalle betroffen worden, in Folge dessen er zusammengebrochen war und augenblicklich die Sprache verloren hatte. Düs Entsetzen,, das. die fast vollzählig anwesende Gemeinde bei' diesem Anblicke ihres hochgeschätzten Seelenhirten ergriffen hatte, läßt sichdenken aber nicht beschreiben. Bewußtlos, wie es schien, wurde er in seine nahe Wohnung gebracht. Der gleich bereiten ärztlichen Hülfe ist es jedoch unter Gottes Beistand gelungen, daß nach