Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 26 (1862)
- Issue
- Heft 45 (4.11.1862)
- Date
- 1862-11-04
- Page
- Seite 643 (sequence 7)
- Language
- German
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her mit Feuer und Schwert, mit Kerker und Tortur ficht und mit Stumpf und Stiel ausrotten will, und doch nur eine unermeßliche Widerstandskraft hervorruft. Nein! Die wirksamsten Gegner der Religion sind die Frivolität und die Heuchelei. Die erstere zerfrißt die Innigkeit des Gemüthes, die jeder Religion zur eigentlichen Unterlage dient, zerstört die keusche Ehrfurcht vor allem Heiligen, welche die kräftigste Säule aller Religion^ ist, und i führt den Geist um so eher irre, als sie sich den Schein giebt, wie, wenn sie der Religion und Sittlichkeit durchaus nicht feindlich gesinnt sei, und als sie ihre vergifteten Waffen unter der Hülle des Sckerzes verbirgt. Die Heuchelei aber thut der Religion um so mehr Schaden, weil sie von je her, immer zuletzt entlarvt, veranlaßt, aller Religion mit der heuchlerischen Gleißnerei und hohlen Formheiligkeit für einerlei zu halten- und. in der That durch ihr Beispiel verführt, und die echte Entwickelung des wahren religiösen Lebens verhindert. . Im modernen Iudenthume ist aber in den letzten Jahrzehnten eine eigenthümliche Erscheinung auf dem Gebiete der Heuchelei aufgetreten. Wenn wir bei den Propheten und in den Psalmen die Schilderung der Heuchler lesen, so zeichnen diese das Wesen jener in der Verbindung der größten Sittenlosigkeit mit der sorgfältigsten und dick aufgetragenen Beobachtung der religiösen Formen. Und so war es auch bis auf die neueste Zeit. Jetzt aber ist es noch anders. Wir lasen jüngst eine Schrift, in welcher der Autor sagt: ich verlange von jedem.Juden, daß er die Satzungen der Väter bis auf den geringsten Gebrauch befolge, daß nicht ein Buchstabe von den vorhandenen Gebeten gestrichen werde, und daß überhaupt das Judenthum unverändert in der überkommenen Gestalt erhalten blei-e. Gut. Sehen wir uns nun nach dem Verfasser um, so gewahren wir, daß er kein einziges jüdisches Gesetz, keinen einzigen jüdischen Gebrauch beobachtetdaß er die Synagoge nicht betritt, die nichtjüdifche Küche sich schmecken läßt, Peßach und Jom Kippur nicht beachtet u. s. w. u. s. w..... Was sagst Du hierzu, Leser? Dies ist die neueste Form der Heuchelei im Iudenthume. Aber es ist nur ein krasses Beispiel voN dem, was jetzt recht oft geschieht. In vielen Gemeinden treten z. B. als die hartnäckigsten Vertheidiger der Piutia Männer auf, welche niemals oder höchstens eine Stunde am Versöhnungstage dem Gottesdienste beiwohnen, und denen es ebensowenig einfällt, Piutia zu sägen, wie überhaupt ein Gebet zu sprechen. Diese moderne Heuchelei besteht also darin, sich für seine eigene Person von allen religiösen Vorschriften frei zu halten, alle anderen Juden für daran unweigerlich und in allen Stücken daran gebunden zu erklären. Woher aber diese Freiheit der eigenen Person? Sind die Piutia, sind die überkommenen Gebräuche, sind die ceremoniellen Gesetze von unveränderlicher Verpflichtung für uns Juden, sind sie also integrirende und wesentliche Theile des Judenthums, wie kannst Du Dich davon frei halten und frei machen? Indem Du Dich davon frei machst, hältst Du sie für nicht verpflichtend, und es ist also baare Heuchelei, das Gegentheil zu behaupten. Oder meinst Du, es giebt Diebe, die den Diebstahl für ein Verbrechen halten und dennoch stehlen? Nun, dann werden doch diese Diebe nicht als Sittenprediger auftreten und den Diebstahl als Verbrechen brandmarken. Thun sie es doch, so wird man sie als Heuchler brandmarken. Wir halten die unbeschränkteste Gewiffensfteiheit für einen heiligen Grundsatz und Niemanden für berechtigt, einen Anderen für sein religiöses Gebühren zur Rechenschaft zu ziehen. Ein Anderes ist es aber, wenn Jemand in die Cultusangelegenheiten einer Gemeinde eingreift, oder einwirken will, oder als Schriftsteller öffentlich auftritt. In diesem Falle haben wir das volle Recht zu fragen, wie weit das religiöse Leben des Betreffenden mit den religiösen Ansichten, die er ausspricht, die er vertheidigt, die er realisirt und von Anderen beobachtet wissen will, in Uebereinstimmung steht, weil in diesem Falle jeder bedeutende Widerspruch auf directe Heuchelei hinweist. Wir haben immer geglaubt, daß aus religiösem und sittlichem Gesichtspunkte, z. B. Derjenige, welcher den Sabbath öffentlich entheiligt, gar nicht das Recht habe, gegen eine Steuerung im jüdischen Cultus aufzutreten und zu agitiren, da er durch sein eigenes, öffentlich kund gegebenes Leben die größte, folgenreichste und der jüdischen Gesetzgebung zuwiderlaufendste Neuerung ausgeführt hat. Zeitungsnachrichten. Deutschland. Hamburg, im Oktober. (Privatmitth.) Zu der neulich in d. Bl. berührten Disputation über Che oder Chay Ha-Olamim habe ich die kleine historische Notiz zu fügen, daß wegen dieser Verschiedenheit die hiesige sefar irdische Gemeinde vor etwa 70 Jahren fast zu