Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 26 (1862)
- Issue
- Heft 44 (28.10.1862)
- Date
- 1862-10-28
- Page
- Seite 633 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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* Als -er Fürstbischof v. Drepe nb r ö ck zum Cardinal erhoben worden war, ließ es sich der Landesrabbiner Tiktin nicht nehmen, Sr. Eminenz die Aufwartung zu machen und dem katholischen Kirchenfürsten seine Glückwünsche in einer Weise darzubringen, als ob eine Confuston des Katholicismus und des von ihm vertretenen Judenthums in Aussicht stehe. Se. Eminenz benahm sich bei dieser eben so merkwürdigen als curiosen Gelegenheit gegen Se. Wohlgeboren mit höflicher, einnehmender Herablassung und entzückte durch die Leutseligkeit, mit welcher er als römisch-katholischer Kirchenfürst dem jüdischen Landesrabbiner sogar die geweihte Hand reichte, alle Anhänger und Verehrer des Herrn Tiktin in einem Grade, daß sie bei den nächsten Wahlen für Herrn v. Manteuffel durchs Feuer gegangen wären, wenn es gebrannt hätte. Das war zur Zeit der großen Demokratenhetze, wo sich Se- Eminenz der Cardinal-Fürstbischof v. Diepenbrock und Se. Hoch würden der General-Superintendent Hahn um die Ehre stritten, wer von ihnen im Jahre 1848 zuerst, am offensten, am kräftigsten und am wirksamsten der Hyder der Revolution, welche unter Anderm für die Juden absolut gleiche Berechtigung mit den christlichen Stadt- und Staatsbürgern beanspruchte, die Köpfe abgeschlagen habe, wo der Klempner Vogt Lindwürmer mit St. Georgs aus Blech fabricirte; wo man aus der Schwefelgarde des noch immer blos vertagten demokratischen Vereins den Treubund recrutirte, und wo man Herrn v. Manteuffel vorbehaltlose Hurrahs darbrachte, — zu der Zeit war es, wo Herr Tiktin mit den Herren Hahn und v. Diepenbrock der Dritte im Bunde zu sein wünschte, aber statt eines Lehnstuhls im Rache des Konservatismus nur einen bescheidenen hölzernen Schemmel erhielt, wenn er nicht stehen wollte. Es ist Alles schon dagewesen! Es gab damals Juden, welche sich ganz christlich im Allgemeinen und fast confessionell im Besondern ausdrückten, wenn sie auf das Jahr 1848, .auf, die Wühlerei- und auf die, Gott sei,Dank, eingetretene Staatsretterei zu sprechen kamen, welche über das ganze Gesicht schmunzelten, wenn ihnen in der constitutionellen Ressource oder in Vorversammlungen von Würden- und Epauletten-Trägern auf die Achseln geklopft wurde, wenn ihnen die Auszeichnung widerfuhr, mit einem Herrn Von Arm in Arm —ja! Arm in Arm! durch den Saal zu gehen, und wenn ihre geographischen Namen neben den urgermanischen von Freiherren, Grafen, Landräthen und Präsidenten in Comitös figurirten. Da halfen sie Thron und Altar retten und gebehrdeten sich, als sei es ihre Lebensaufgabe, das, gleichviel ob Nicänische, Athanasianische, apostolische oder Augsburgische Glaubensbekenniniß gegen die Angriffe der Demokratie zu vertheidigen. Religion müßte einmal fein! Sie sahen sich und ihre Söhne schon im Geiste als Geheime Justizräthe und noch weit ^Geheimere Ober-Regierungsräthe, wenn nicht gar als Präsidenten und Minister; als Seconde-Lieutenants und vielleicht selbst als Oberst-Wachtmeister sahen sie sich; aber die Zeit verstrich mit ihrem Beistände, und siehe da, nicht einmal bis zur Börsen- und Zwingerfähigkeit haben sie es gebracht, und ein Dorfschulzenamt oder eine Rechtsanwaltstelle find alle Errungenschaften der „Solidarität der konservativen Interessen". Es war uns unmöglich, diese Erinnerungen zurückzudrangen, als wir in dem „Temps" den Brief des Herrn Cohen lasen, welcher, obgleich Jude, Mitarbeiter der ultramontanen „krsnde" ist und den die Franzosen, nicht aber uns, überraschenden Ausspruch thut: „Wenn man den Katholicismus besiegt hat, wird man den Judaismus, den Protestantismus stürzen, und der moderne Socialismus wird neuerdings bei Todesstrafe allen Menschen die Göttin Vernunft aufdringen. Ja es handelt sich heute um die Gewissensfreiheit. Man muß blind sein, um das nicht zu sehen. Und glaubt man denn, daß diese große Sache, die sich Papstthum, diese umfassende religiöse, moralische und politische Organisation, die sich Katholicismus nennt, fallen könnte, ohne daß in der ganzen Welt eine unermeßliche Verwirrung entstände? Käme dieser Tag, so würde er eine Aera entsetzlicher moralischer und religiöser Wirren bezeichnen, die religiösen Leidenschaften würden sich erhitzen, blutige Kämpfe auf allen Punkten der Erde entstehen, und wer weiß, ob die dissentirenden Kulte nicht die ersten Opfer dieser schrecklichen Umwälzung wären. Nein, ich will eben so wenig eine religiöse, als eine sociale Demagogie!" So schreibt Herr Cohen als Jude, — nein als Heuchler; denn ein Jude kann ehrlicherweise die Interessen seiner Religion nicht, mit denen der weltlichen Herrschaft des Papstthums identifieiren, und wir