Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 26 (1862)
- Issue
- Heft 43 (21.10.1862)
- Date
- 1862-10-21
- Page
- Seite 607 (sequence 3)
- Language
- German
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der Einheit Italiens ürtb dem Kirchenstaate ganz vom französisch-politischen Standpunkte aus, und das geht uns allerdings. Nichts an. Er findet die englische Politik überall im vollsten Widerspruche und Widerstreben mit der-französischen- und wenn daher gegenwärtig England die Einheit Italiens durchaus verlange, so sei es Sache Frankreichs, dem entgegen zu Greben. Nur Eines möchten wir bemerken. Herr Cohen rühmt und verherrlicht die französische Nation als die größte uud tapferste, und dennoch ist ihm der wesentlichste Grund gegen die Einheit Italiens, daß dadurch ein mächtiger Staat an der Grenze Frankreichs gebildet werde. Wenn die „größte und tapferste" Nation ein Nachbarvolk von 2V Millionen ohne Befürchtung für seine eigene Macht und Sicherheit nicht dulden kann, wenn sie zu ihrer eigenen Sicherheit nur zerrissene und niedergedrückte Machbaren haben darf, so stellt sie sich damit nur ein Zeugniß der Schwäche und Feigheit aus. — Aber schon in diesem ersten Artikel spricht Herr Cohen einen monströsen Gedanken aus. „England", sagt er, „hat seit langer Zeit aus seiner Religion das Werkzeug seiner politischen Absichten gemacht. Es will aus London den Mittelpunkt und das neue Rom des gesammten Protestantismus bilden. Es hat sich von der römischen Kirche nur in der Hoffnung getrennt, um diese nachzuahmen und seinerseits die Königin des religiösen Universums zu werden." Wer das Wesen des Protestantismus nur irgend begriffen hat, und wer insonders den Charakter der sehr abgeschlossenen und ausschließlichen anglikanischen Kirche kennt, dem wird eine solche Behauptung/ die dazu dienen soll, den Bestand des Kirchenstaates, England gegenüberfür Frankreich als eine politische Nothwendigkeit zu stempeln, höchst lächerlich erscheinen. Der Protestantismus verträgt gar keinen Mittelpunkt, gar keine politische Organisation, und wo eine solche, im kleinsten protestantischen Ländchen versucht wurde, entsprangen daraus die erbittersten Kämpfe. London als ein neues Rom für die protestantische Welt oder gar für das „religiöse Universum" ist ein abgeschmacktes Mährchen, bei welchem kein Vernünftiger verweilen wird. Die anglikanische Kirche hat auf den Protestantismus des Continents noch niemals auch nur den entferntesten Einfluß geübt, und seine Bibelgesellschaften hegen niemals die Absicht, Protestanten! zur anglikanischen Kirche zu bekehren. Wichtiger für uns ist der zweite Artikel vom 30. September, den wir daher, mit Uebergehung aller Phrasen, etwas näher analhsirm wollen. Herr Cohen hat die Vermessenheit, zu behaupten, daß bei der Erhaltung des päpstlichen Staatsregiments die Gewissensfreiheit eine große Rolle spiele, und die Gewissensfreiheit diese Erhaltung verlange! Es konnte nicht fehlen, daß ihm bei Niederschreibung solcher Worte das Bild seiner römischen Glaubensgenossen, im dortigen Ghetto, das Bild des jungen Mortara erschien. Uns freilich wäre auch noch die lange Reihe von Geistern erschienen--, die in den römischen Kerkern und unter den römischen Fesseln geseufzt haben. Wie entschuldigt sich nun Hr.Eohen? Mit den wenigen Worten: „Dieses Gouvernement wird sich modificiren, oder es wird fallen." Welche Heuchelei! Der wackere Kämpe ruft die ganze französische Nation auf, das päpstliche Regiment zu erhalten, und meint doch, daß es fallen werde; seine ganze Stütze besteht in einer zu erwartenden „Modification", und doch wurde und wird seinem den Kirchenstaat vertheidigenden Kaiser das Non xo88umu8 zugerufen! — Herr C. findet, in der Einverleibung des Kirchenstaates in Italien eine flagrante Verletzung des Völkerrechts. Dies haben nicht wir zu untersuchen. Aber mit welchem Rechte hat denn Napoleon die Lombardei von Oesterreich gerissen und die Entthronung so vieler italienischen Fürsten anerkannt? Im Namen welchen Rechtes sitzt Napoleon auf dem französischen Throne? Hätte die italienische Nation nicht dasselbe Recht wie die französische?. . . Auch dies muß Herr C. gefühlt haben, denn er sagt einfach, daß Niemand das Recht habe, wenn der Papst seine Staaten schlechtregiere, sich hineinzumischen : „Dies ist lediglich Sache-zwischen dem Papste und seinem Volke." Nun, weiter wollen ja die Römer Nichts, und das französische Occupationscorps ist es ja eben, das sich hineinmischt, und die Angelegenheiten zwischen dem Papste und seinem Volke nicht ordnen laßt. Zu solchen Widersprüchen führt die Sophistik. Doch lassen wir diese und noch viele andere sich selbst schlagende Einzelheiten und kommen zunr Hauptargument des Herrn C. Er nimmt einen großen Anlauf; er will die ganze Welt in Schrecken und Furcht setzen, denn er behauptet, wenn der Papst in Rom nicht mehr regiere, so würde ein religiöser und revolutionärer Krieg von der schrecklichsten Art, die man sich vorstellen, könnte, über die ganze Welt hineinbrechen. Mit dem päpstlichen Staatsregiment würde das Papstthum,- mit diesem der Katholicismus, mit diesem das ganze Christenthum Zusammenstürzen. Dann würde auch das Judenthum vernichtet, und die Göttin Vernunft für Jedermann bei Todesstrafe wieder eingesetzt. So würde die 43*