Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 26 (1862)
- Issue
- Heft 42 (14.10.1862)
- Date
- 1862-10-14
- Page
- Seite 594 (sequence 4)
- Language
- German
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594 Ballast erfühlen, während ihre homiletische Befähigung ihnen Wirksamkeit und Stellung sichert.- Die jüngeren müssen aufhören zu wähnen, daß sich das gute Predigen so aus den Aermeln schüttelt, und von selbst kommt; vielmehr da es der geborenen Redner nur wenige giebtkann Studium und ausdauerndes Streben viel Fehlendes ersetzen. Die schwierigste Aufgabe für unsren Gottesdienst bleibt aber immer noch der Vortrag der Gebete und der musikalische Theil, und wird es wohl noch lange dauern und noch Mancherlei experementirt werden müssen, bevor das Richtige hierin sich herausärbeiiet. Etwas, worauf unsere Glaubensgenossen noch immer eine besondere Aufmerksamkeit zu richten hätten, ist das rechte Anstandsgefühl beim Gottesdienste. Aus der Zeit des Verfalles des Cultus bei unseren Vätern hat sich hierin eine unglaubliche Naivetät vererbt, die erst in wenigen Gemeinden gänzlich verschwunden ist. Männer und Frauen, welche sich in der Gesellschaft ganz gut zubenehmen verstehen,, und bei Besuchen oder Empfang von Besuch den angemessenen 'Anstand zu beobachten wohl wissen', geriren sich m der Synagoge' auf's Rücksichtsloseste, nehmen eine Positur an, die sie sich anderswo nicht erlauben, plaudern auf's Unbefangenste li. s. w., während selbst die untersten Schichten des christlichen Publikums im Gotteshause das respektvollste Benehmen einhalten. Eine solche Naivetät überträgt sich von Kindesbeinen an, weil die Jugend es eben nicht anders vor sich sieht. Allseitige, immer wiederholte Mahnungen hierüber sindnothwendig, um endlich das rechte Maaß herbeizusühren. Die dritte Bedingung finden wir in dem wohlorganisirten Religion sunt e rr i ch t e. Die Nothwendigkeit desselben braucht nicht erwiesen zu werden, und demungeachtet wird er noch immer vielfach vernachlässigt. Das Bedürfnis nach ihm darf nicht unterschätzt werden. Jüdische Eltern, haben wir oft gesehen, welche den Satzungen der Religion in ihrem Leben geringen Raum gewähren, tragen dennoch das Verlangen, ihren Kindern einen genügenden Religionsunterricht angedeihen zu lassen. Wenn allerdings ihnen in der Regel der Unterricht in den profanen Gegenständen noch immer den ersten Platz einnimmt, und der Religionslehrer darum wenig von den Eltern unterstützt wird, so ist es doch im Gegensatz nur eine geringe Zahl, welche für den Religionsunterricht ihrer Kinder ganz gleichgültig wären. Auch hierin kann eine Hebung nicht verkannt werden. Es gilt aber nun überall, wo eine jüdische Elementarschule nicht vorhanden ist, und für die Kinder^ die über die Elementarschule hinaus sind, : die! sog. „jüdischen Stünden"' durch eine wohlgeordnete Religionsschule zu verdrängen; welche,- soll sie reckt wirksam sein, mindestens dreiklassig' sein müßte, was freilich,- schon aus Mangel an Lehrpersonal, nur in den größeren Gemeinden durchführbar ist. -Das größte Uebel, an welchem die jüdischen Religionsschulen laböriren, ist, daß dieselben keine Mittel besitzen, einen regelmäßigen Schulbesuch zu erzwingen, und es daher nur der Gewissenhaftigkeitder Eltern, d. h. in den-meisten Familien der Gewissenhaftigkeit der Kinder selbst überlassen bleibt, daß die Schule regelmäßig-besucht-werde. Bestünde nün der Unterricht allein im eigentlichen Religiösen und in der Geschichte, so könnte dafür der Lehrer verantwortlich gemacht werden, weil er den Schülern ein reges Interesse einzuflößen im Stande sein muß; da aber auch das hebräische Lesen, jüdisch - deutsches Schreiben, Grammatik und Uebersetzen gelehrt werden,- Dinge, wo- ' bei sich Kinder leicht langweilen, besonders,' da sie bei dem Lesen der ihnen noch unverstäüdlichen Sprache Nichts zu denken haben, so kann dem Lehrer die Schuld des durchgehends unordentlichen Schulbesuchs nicht zur Last gelegt werden. Auf diese Punkte haben die Vorstände eine besondere Aufmerksamkeit zu lenken?! - Aus den beiden vorangegangenen Momenten geht unmittelbar als die vierte Bedingung einer rechten israelitischen Gemeinde die Anstellung tüchtiger Cultusbeamten und Lehrer hervor. Wir wissen die ganze Schwierigkeit dieser Angelegenheit zu würdigem Die Belastung der jüdischen Gemeinden ist bedeutend, und je größer die Zersplitterung in mittlere, kleinere und kleinste Seelenzahlen des jüdischen Bekenntnisses ist, ohne daß dadurch eigentlich die Bedürfnisse einer kleineren Gemeinde geringer sind,- als die der größeren, desto schwieriger sind die nöthigen Geldmittel äufzubringen, welche namentlich in unserer Zeit ^dazu gehören, um tüchtige Lehr- und Beamtenkräfte zu gewinnen und ihnen eine anständige und auskömmliche Lage zu bereiten. Dennoch ist es eine Wahrheit, daß Gemeinde, Synagoge und Schule ohne würdige und befähigte Cultusbeamte und Lehrer wie ein Körper ohne Geist sind. Wir wollen uns hier auf eine weitläufige Besprechung dieses Gegenstandes nicht einlassen, heben jedoch wiederum hervor, daß die.definitive Anstellung ein nothwendiges Requisit/einer besseren Zukunft ist. Die Erfahrung-lehrt, daß gerade in den großen Gemeinden Rabbiner, Lehrer, Vorbeter u. f: w. eine dauernde Anstellung haben, gerade in den -gro-