Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 26 (1862)
- Issue
- Heft 41 (7.10.1862)
- Date
- 1862-10-07
- Page
- Seite 585 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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585 mit den Juden verkehren und sich verständigen. Darum suchten Biele in der Türkei eine neue Heimath sich zu gründen, wo sie sich wenigstens mit ihren Glaubensbrüdern in der altspanischen Sprache, die alle Sefardim sprechen, verständigen können. — Wir haben oft Gelegenheit gehabt, bei den Geflüchteten und den andern Sesardim in Semlin u. s. w. die klangvollsten Familiennamen, die uns an die Glanzperiode der jüdischen Literatur auf der pyrenäischen Halbinsel erinnern, zu hören. So z. B. Abarbanel, Pharchi, Calderon, Medina u. s. w., und wir machen unsere Literarhistoriker auf die Schreibung dieser Familiennamen gelegentlich aufmerksam. Bekanntlich hat die Schreibung des Namens Abarbanel oder Abravanel, sowie der des berühmten Verfassers des Kasthor Wäpherach (Berlin 1852 S. 2) Esthori Ha-pharchi oder Parchi Streitigkeiten verursacht, und wir glauben, daß die traditionelle Schreibung dieser Geschlechtsnamen bei den Nachkommen gewiß die richtige sein wird. Den Namen Calderon fanden wir in dem uns vorliegenden Siddur (Belgrad, fürstliche Druckerei, 1852) angegeben, wo der Drucker, wie dies bei jüdischen Werken gebräuchlich, seinen Namen: Jakob Schalom Calderon beigesetzt hat. — Möge es uns bald gegönnt sein, Erfreulicheres von diesen Unglücklichen zu melden! Rabbiner D. Oppenheim. Semlin, 11. September. Der „ Pesther Lloyd " schreibt: Die israelitischen Einwohner Belgrads, welche aus Anlaß der bekannten Ereignisse nach Semlin geflüchtet und daselbst eine gastliche Aufna h m e gefunden, haben plötzlich die Weisung erhalten^, das ihnen gewährte Asyl binnen wenigen Tagen schon zu verlassen.. Ueber dfe Bedeutung dieses Vorfalles, welcher allenthalben g er echtes Befremden hervorruft, äußert sich eine Semlin er C o r r e s p o n d e n z der „Agramer Ztg." vom 3. d. M. folgendermaßen:. Die Belgrader Juni-Ereignisse haben bekanntlich Tausende von Deutschen und die gesammte Belgrader Judengemeinde aus Serbien vertrieben. Alle suchten und fanden auf österreichischem Boden, besonders in Pancsova und Semlin Schutz und Aufnahme. Viele der Flüchtlinge haben ihren Wanderstab weiter fortgesetzt, indem sie sich in anderen Orten Ungarns niederließen oder in ihre Heimath zurückkehrten; Viele aber, und vorzüglich Juden, Haben ihr bisheriges Asyl nicht verlassen und größtentheils auch nicht verlassen können, da .sie mit Belgrad noch in den mannigfachsten Beziehungen stehen, und dort noch namhaftes Vermögen besitzen, welches sie bis zur Stunde noch nicht realisiren konnten, und ohne welches sie sichals Bett-? ler betrachten müssen. Es muß in hohem Grade rühmend hervorgehoben werden, daß sowohl die in Pancsova und Semlin commandirenden k. k. Generäle, als auch die Magistrate beider Grenzstädte Werke christlicher Barmherzigkeit an den Flüchtlingen übten,, welche ohne diese Unterstützung in das bitterste und unbeschreiblichste Elend gerathen sein würden; es muß ferner die edle Bereitwilligkeit anerkannt werden, mit welcher die Semliner Organe der Donaudampfschifffahrts-Gesellschaft Tausende von Flüchtlingen- und ihre Habseligkeit, ohne einen Kreuzer Vergütung dafür zu nehmen, mit ihren Dampfschiffen von Serbien hieher beförderten. Um indeß von der Hauptsache nicht abzuschweifen und auf den eigentlichen Gegenstand meiner Mittheilung znrückzukehren, muß ich hier zuvor zwei Thatsachen vyrangehen lassen, nämlich die, daß durch das Zuströmen so vieler Fremden nicht etwa in Semlin oder Pancsova Theuerung oder Mangel, sondern sogar im Gegentheile durch die des besseren Marktes wegen entstandene, von fremden Orten zugeströmte Concurrenz Ueberfluß an allen Lebensmitteln entstanden ist; ferner, daß den Kassen der Semliner und Pancsovaer Gemeinden durch die, an diesen Orten etablirten Fremden noch keinerlei Belästigung erwachsen ist, da besonders die Juden mit einer ans Unglaubliche grenzenden Hingebung für ihre Armen selbst sorgen, obgleich die Reicheren unter ihnen sehr große Verluste erlitten haben. Dahingegen ist durch die Belgrader Flüchtlinge nach Pancsova und ganz besonders nach Semlin ein solch bewegtes Leben gebracht, die Geldcirculation hat sich dergestalt vermehrt, Kaufgewölbe, Gasthäuser und der gesammte Markt sind in so hohem Grade gehoben, daß für, Semlin nicht allein sondern für alle umliegenden.Grenzorte die Belgrader Katastrophe in der That eine Quelle des Wohlstandes .und des Verdienstes geworden ist. Man sollte , nun Lenken, daß von Seiten der Behörden der günstige Augenblick benützt worden sei, um Das, was dieser Moment gebracht hat, dauernd zu machen und mit allen Kräften dahin zu wirken, daß 41