Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 26 (1862)
- Issue
- Heft 40 (30.9.1862)
- Date
- 1862-09-30
- Page
- Seite 565 (sequence 3)
- Language
- German
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56S tendsten Genies der Menschheit besessen. So aber vernichtet sein Humor seinen Pathos, und dieser wiederum jenen, seine Zartheit wird von seiner Grobheit und Liederlichkeit zerstört, und dennoch wird dieser wiederum durch jene der geniale Werth genommen, sein Heidenthum untergräbt sein Judenthum, und doch ist von diesem wieder zu viel vorhanden, um jenem eine volle Gestaltung zu gestatten; so besitzt Heine auch die zarteste Form, und dennoch führt diese als Ganzes so ins Formlose hinaus, daß er außer seinen epigrammatischen Liedern kein einziges Kunstwerk produciren konnte. Wir halten es daher für ein ganz unnützes Werk, bei Heine eine religiöse und politische Anschauung zu süchen und auf diese irgend ein Gewicht zu legen. Er hatte darin ebenso wie auf allen Gebieten nur einzelne, widerstreitende Ansichten neben einander, die zu einer religiösen und politischen Ueberzeugung sich niemals durchbilden konnten. In den vorliegenden Briefen giebt er sich von vornherein für einen Pantheisten aus, läßt sich auch in frivolester Weise über die heiligsten Gegenstände aus oder vielmehr gehen, ohne daß .man alles Dies so ernst nehmen darf; er spielt mit Allem und Allem; im vollsten Ernste aber tritt dennoch seine Anhänglichkeit für Jndenthum und Juden hervor, und äußert sich besonders darin, daß er einerseits den „Rischus" gegen die Juden aufs Herbste empfindet und ihn zu bekämpfen sich vornimmt, andererseits an jenem Berliner Vereine für „Cuttur und Wissenschaft der Juden" den lebhaftesten und dauerndsten Antheil nimmt, immerfort nach dessen Bestand und Schicksal fragt und— was gewiß am meisten bei Heine sagt — wiederholt und unaufgefordert Geld als seinen Beitrag nach Berlin schickt, obwohl er öfter den größten Mangel litt; und endlich Stoffe aus der jüdischen Geschichte zu Gegenständen seiner poetischen Arbeit macht, zu diesem Zwecke die Geschichte der Juden von Basnage studirt und hieraus das'hochpoetische Fragment: „Der Rabbi von Bacharat" hervorgehen ließ. Sein „Romanzero" bewies noch 30 Jahre später, daß er der poetischen Auffassung der jüdischen Geschichte niemals untreu geworden. - Führen wit hierfür einige Äeüßerüngen aus den Briefen an Moser an. Er klagt über den ungewöhnlichen Rischus, der in Lüneburg in der mittleren wie höheren Classe herrsche. „Unser kleiner Hund", sagt er, -,wird auf der Straße von den anderen Hunden auf eigene Weise berochen und maltraitirt, und die Christenhunde haben offenbar Rischus gegen den Judenhund. Ich habe hier also blos mit den Bäumen Bekanntschaft gemacht, und diese zeigen sich jetzt' wieder in dem alten grünen Schmuck und mahnen mich an alte Tage und rauschen mir alte vergessene Lieder ins Gedächtniß zurück, und stimmen mich zur Wehmuth." Er charakterisirt sich selbst (S. 6) als „jüdischer Dichter", und fügt dann hinzu: „Doch wozu soll ich mich geniren, wir sind ja unter uns und ich spreche gern in unfern Nationalbildern. Wenn nicht Ganstown *) erbaut sein wird und ein glücklicheres Geschlecht am Mississippi Lulef benscht und Matzes kaut und eine neu-jüdische Literatur empörblüht, dann werden unsere jetzigen merkantilischen Börfenausdrücke zur poetischen Sprache gehören und ein poetischer Urenkel des kleinen Markus wird in Talles und Tefillin vor der ganzen Ganstowner Kille singen : Sie saßen an den Wassern der Spree und zählten Tresorscheine, da kamen ihre Feinde und sprachen: gebt uns Londoner Wechsel — hoch ist der Cours.— Genug der Selbstpersiftage.^ — S. 24 sagt er: „Daß ich für die Rechte der Juden und ihre bürgerliche Gleichstellung enthusiastisch sein werde, das gestehe ich, und in schlimmen Zeiten, die unausbleiblich sind, wird der germanische Pöbel meine Stimme hören, daß es in deutschen Bierstuben und Palästen wiederschattt." Unter dem 9. Januar 1824 schreibt er: „Vom Vereine schreibst Du mir wenig. Denkst Du etwa, daß die Sache unserer Brüder mir nicht mehr so am Herzen liege wie sonst - Du irrst Dich dann gewaltig. Wenn mich auch mein Kopsübel jetzt niederdrückt, so habe ich es doch nicht aufgegeben, zu wirken. „Verwelke meine Rechte, wenn ich deiner vergesse, Jeruschalajim", sind ungefähr die Worte des Psalmisten, und es sind auch noch immer diemeinigen. — Ich wollteich könnte mich eine einzige Stunde mit Dir unterhalten über Das, was ich, meist durch die eigene Lage angeregt, über Israel gedacht." — Ueber den ,Paria" von Michel Beer schreibt Heine am 21. Januar 1824: >,Jch kenne das Stück schon längst, da der Verfasser mir dasselbe selbst vorgelesen. Es hatte mir gut gefallen und hätte mir noch besser gefallen, wenn ich damals nicht eine gar zu genaue Kenntniß von Indien und indischem Geiste gehabt hätte. Fatal, höchst fatal war mir die-Hauptbeziehung des Gedichtes, nämlich daß der Paria ein verkappter Jude ist. Man muß Alles aufbieten, daß es Niemand einfalle, letzterer habe Ähnlichkeit mit dem indischen Paria, und es ist dumm, wenn man diese Ähnlichkeit geflissentlich hervorhebt. Am aller- *) Eine von Gans zu erbauende Stadt. 40 *