Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 26 (1862)
- Issue
- Heft 38 (16.9.1862)
- Date
- 1862-09-16
- Page
- Seite 535 (sequence 5)
- Language
- German
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vollführt wird. Das sittliche Bild, welches unS das alte Testament von dem arLeitsgetreuen Menschen entwirft, ist daher ein vollendetes und umfaßt alle Beziehungen zu sich selbst, zu seinem Nebenmenschen und zu Gott. Um so mehr muß man sich wundern, wenn ein kulturhistorischer Schriftsteller wie Riehl, der die „Bibelfestigkeit des deutschen Volkes" Und damit doch wohl auch seine eigene so sehr rühmt, ein Zerrbild von der alttestamentlichen Arbeitslehre entwirft, nur um im neuen Testamente ein Ideal von der Arbeit gezeichnet zu finden. Nicht allein, daß er alle die Aussprüche des alten Testaments, die er anführt, einseitig auffaßt, sondern er verschweigt auch die Menge der Sentenzen, welche seine Apologie des neuen Testaments von vornherein zurückweisen, indem sie längst und viel kräftiger ausgesprochen, was er erst im neuen Testamente finden will. Und hierzu kommt eigenthümlicher Weise, daß er Das, was er im neuen Testament über die Arbeit finden will, nicht einmal mit wirklichen Stellen desselben zu belegen weiß. Was er nämlich wiederholt vorträgt, ist, daß das alte Testament nur von dem reellen Nutzen der Arbeit, von dem Wohlstände und Reichthum, den sie schaffe, handelt, während das neue Testament die ideale, sittliche Kraft der- Arbeit hervvrhcbe und sich gegen Geiz und Habgier ausspreche. Namentlich spöttelt er da über die Klugheitsregeln des weisen Salomo, der nichts wisse, als die Leute zur Aussaat zu ermuntern, um in der Ernte einsammeln zu können. Beide Momente ergeben sich aus der vorhergehenden Darstellung von selbst als falsch. Wir wollen nicht auf die vielen Stellen im alten Testament verweisen, wo die Propheten gegen die Habgier und Gewinnsucht mit den mächtigsten Worten donnern, wie z. B. Jesaias (5, 8 ff.) das Wehe ausruft über Die, „die reihen Haus an Haus, Feld an Feld fügen" (vgl. 32, 7.), oder wo sie die Nichtigkeit des Reichthums in den lebhaftesten Farben schildern, wie z. B. Jeremias (17, 11.): „Ein Rebhuhn, das Junge zieht, die es nicht geboren, ist, wer Reichthum schafft und nicht mit Recht: in seiner Tage Hälfte verläßt er ihn, an seinem Ende steht als Thor er da." Aber auch gegen die Sprüche Salomonis hat Riehl das größte Unrecht geübt, denn wenn schon von einem Autor, der Gottesfurcht, Liebe und Frieden als das wahre Glück des Menschen immerfort preist, der verlangt, daß man dem hungernden Feinde sein Brot, dem dürstenden sein Wasser reiche, der Gerechtigkeit und Weisheit als den einzigen Pfad zum Leben lehrt, voraussetzen kann, daß er den Fleiß nicht blos um des Gewinnes willen empfehlen werde: so werden die Witzeleien Riehl's durch die vielen Stellen widerlegt, welche wir oben aus den Sprüchen Salomonis über die Sittlichkeit, von welcher die Arbeit getragen und durchdrungen sein müffe, um zu dauerndem und wahrem Glücke zu führen, angezogen haben. Wenden wir uns aber nun zu Dem, was er aus dem neuen Testament anführt, so beschränkt es sich auf ein Paar Sätze, welche die Pflicht, sein Brot durch Arbeit zu verdienen und genügsam zu sein, sowie das Verwerfliche der Habgier und des Geizes in einer Weise aussprechen, die weit hinter der Kraft und Tiefe der von uns angeführten alttestamentlichen Sentenzen zurückbleibt, und sich als epigonisch kundgiebt. Das Einzige, worauf Riehl zu fußen vermag, ist der Vorgang, der im 14ten Capitel des Marcus erzählt wird, daß ein Weib ein Glas mit ungefälschtem und köstlichem Nardenwaffer Jesus auf das Haupt goß, Etliche aus seiner Umgebung darüber unwillig wurden und sprachen: „Man könnte das Wasser mehr denn um 300 Groschen verkauft haben und den Armen geben"; Jesus aber erwidert: „Sie hat ein gutes Werk an mir gethan; Ihr habt allezeit Arme bei Euch, und wann Ihr wollet, könnet Ihr ihnen Gutes thun, mich aber habt Ihr nicht allezeit; sie ist zuvorgekommen, meinen Leib zu salben zu meinem Begräbniß." Auf diese Worte zeigt Riehl als auf das große Evangelium der wahren National - Oekonomie, will dies aber aus den Worten nicht weiter erweisen, weil es Jeder selbst finden könne. Jeder Vorurtheilslose wird eingestehen, daß Riehl hiermit seine Sache schlecht geführt, und daß es eine vom Vorurtheil eingegebene Willkür seinerseits ist, wenn er aus diesem Wenigen und Einfachen des neuen Testaments der Fülle und Erhabenheit des alten Testaments gegenüber den erklügelten Unterschied zwischen dem Arbeitsbegriff des alten Testaments und neuen Testaments herausbringen will. Geradezu aber empören muß es, wenn er sagt: „Das alte Testament schon zeigt allerdings in seinen Arbeitsgeboten, in seinen Regeln der Arbeitsklugheit und selbst in seinen Mahn- und Warnsprüchen vor der Gier des Gewinnes eine große Kluft des hebräischen und des germanisch-christlichen Geistes in der Grundansicht über die höchsten Ziele der Arbeit." Weiß denn Herr Riehl nicht, daß Jesus, seine Apostel und die Verfasser der neutestamentlichen Schriften Hebräer waren? Will er etwa erweisen, daß sie Germanen gewesen? Stammt nicht also seine vermeintliche Jdealisirung der Arbeit im neuen Testament aus der-