Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 26 (1862)
- Issue
- Heft 37 (9.9.1862)
- Date
- 1862-09-09
- Page
- Seite 526 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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5L6 und des Judenhasses!.. Wir wollen ihn deswegen nicht anklagen, wir bedauern, nur, daß. derselbe nicht einmal so, viel Selbstbeherrschung besaß, den hochsinnigen Willensmeinungen -des rechtsliebenden Monarchen fast in Höchstdessen Angesichte wenigstens für ei nige Stunden Rechnung zu tragen, oder aber, daß die Tragweite seiner Erkenntniß von dem Allerhöchsten Willen so sehr beengte Grenzen bekundet! — Thatsachen sprechen für Worte. — Es wurden gefänglich eingezogen: zwei Knaben aus -der Kronsschule zu Friedrichstadt, einige jüdische Kaufleute wurden arrestlich abgeführt, weil sie gleich Andern die für das hohe Kaiserpaar errichtete Ehrenpforte passiren wollten. — Sie wurden aber — welche Humanität! — nach einigen Stunden sämmtlich des Arrestes enthoben. Der Kaufmann! ster Gilde, S. aus Dünaburg,' wurde auf seinem Wege mit Arrest bedroht; auf seine Intervention,.mit der .er sich an einen höhern Staatsbeamten wandte, aber zum Weiterklagen perwiesen. Der Repräsentant der Friedrichstädtischen jüdischen Gemeinde St. wurde zum Herrn OrdnungSrichter berufen,, und dieser begann, ihn mit „Du". anzureden, besann sich jedoch und beschränkte sich auf den kategorischen . Ausspruch:. „Hört, was wollt Ihr? Den Kaiser sehen?. Ihr könnt..ihn..ja. .doch aus Kurland sehen! - Wie ich; höre, soll Einer von Euch dem Kaiser eine Bittschrift überreichen wollen; sagt Demjenigen, daß ich ihn sofort arrestlich nach Riga abschicken lassen werde. Wenn Ihr den Kaiser sehen wollt, so kann das allenfalls vom Feld«:aus geschehen,, nicht aber bei den Colonnaden." — Der Gemeinderepräsentant St., welcher wohl befähigt ist, einer Unbill Rede zu. stehen, war im Begriff, die gebührende Entgegnung zu verlautbaren, als der befehlende Ruf eines anscheinend lievländischen.Edelmanns. „Hinaus!" ihm den Mund verschloß.— Anfangs war es unsere Intention, wegen der erwähnten Thatsachen iwnienäjots an des Kaisers Majestät zu stlppliciren; allein wir mochten nicht die Vergnügungsreise des geliebten La.ndesvaters auch für einen Augenblick durch Beschwerden stören, und trösteten uns mit unserem althergebrachten Spruche dj". Auch dieseDemüthigung wird Gott wohl, zu unserem Besten wenden; — wir.müssen dulden!.... , , Wir haben, wenn auch zurückgedrängt, dennoch das vielgeliebte hohe Kaiserpaar gesehen und aus der Ferne, mit. schallendem Jubelruf begrüßt, auch nicht verfehlt, den uns gebotenen Segensspruch für diesen hohen Genuß aus tiefbewegter Seele zu erheben : „Gepriesen sei'st du, unser Gott, -König des Weltallsder du von deiner himmlischen Majestät den Herrschern auf Erden zutheilst!" — Der Herr Ordnuugsrichter war wohl von den ihm obliegenden Pflichten sehr in Anspruch genommen, hatte aber dennoch Muße genug, um dem tief eingewurzelten Judenhasse einen Ausdruck zu geben: Jedoch mochte der milde und erwärmende Hauch der wahren Humanität des unterdessen immer näher und näher kommenden Herrscherpaars auch ihn, den Herrn Ordnungsrichter, wenn auch nur für einen Augenblick leise berührt haben, welchem Eindrücke jedoch er — consequent genug — sich auch gleich wieder zu entwinden wußte, indem er einem an ihm später vorübergehenden Juden zurief: „Heute erlaub' ich Euch schon Eure Anwesenheit hier; morgen aber — soll kein Einziger sich sehen lassen!" — Die 'age, worauf der sich auch in den höhern Kreisen kundgebende Judenhaß sich noch jetzt gründet, ist nicht mehr neu und noch immer schwer zu beantworten, zumal wenn man daran denkt, daß das Grundgesetz der christlichen nicht minder als das der mosaischen Lehre die „Nächsten liebe" ist. Wir Juden erfahren aber an vielen Orten leider nur sehr wenig hiervon, wenn nicht irgend ein Privatinteresse unsere Thätigkert in Anspruch nimmt. Der Jude ist treu als Unterthan, ausdauernd als Unternehmer,- fleißig und unermüdlich im Handel und Gewerbe, zärtlich- und sorgsam als Familienvater, theilnehmend Und opferwillig als Mensch und Bruder, ruhig und friedlich als Bürger, ist keusch, bescheiden in seinen Ansprüchen und genügsam in seinen Genüssen, was allgemein bekannt und bereits längst von zwei unvergleichlich großen Kaisern/ Peter I. und Napoleon I., ausgesprochen worden ist. Auch Haben-Experte über Verbrechen schon oft zur Genüge bewiesen, daß in den von Juden und Bekennern anderer Eonfessionen bewohnten Orten auf die Seite der Erstern verhältnißmäßig weit weniger Criminalfälle kommen als auf die ihrer übri-. gen Mitbürger, und auch solche Orte im Ganzen genommen wiederum verhältnißmäßig weniger als da, wo Juden nicht geduldet werden: Diese Wahrheiten sind im Auslande bereits vielseittg besprochen, factisch bewiesen und längst allgemein anerkannt worden. In letzter Zeit haben sie auch in unserem großen Vaterlande unter dem Einfluß unseres gerechten Monarchen und auf dem Wege der auf freiem Fuß gestellten Literatur angefangen, sich unter dem unbefangenen und treuherzigen : russ. Volke ein wenig Bahn zu brechen. — Aber Lievland; ist. nicht Rußland. .. Es stehet da isvlirt in dem ganzen