Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 26 (1862)
- Issue
- Heft 36 (2.9.1862)
- Date
- 1862-09-02
- Page
- Seite 505 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Gleichen", über welche wir bald referiren werden. Aus der Vorrede heben wir folgende Stellen hervor: „In unserer kranken Zeit ist nichtsso krank wie die Frömmigkeit. Unter der kranken Frömmigkeit verstehe ich nicht die Heuchelei; dieser thut mau zu viel Ehre, wenn man sie überhaupt als irgend eine Art von Frömmigkeit betrachtet. Die Heuchelei ist ein Ding für sich, aber sie findet sich immer in Begleitung der kranken Frömmigkeit, sie ist das Ungeziefer in dem kranken Stoff. Da nun gegenwärtig die Heuchelei eine ausgemachte öffentliche Erscheinung ist, so ist damit die Krankheit der Frömmigkeit bewiesen. Auf dasselbe Ergebniß führt der Sprachgebrauch; während früher das Prädicat der Frömmigkeit einen ehrenfesten und tapferen Mann bezeichnete, wie denn die Anrede „fromme Holsten" auf der Dingstätte meiner Heimath als ein Lpitlieton orn»n8 üblich war, bezeichnet dieses Prädicat jetzt durchweg eine gewisse praktische zaghafte Weichlichkeit und Schwächlichkeit.*) Dieser veränderte Sprachgebrauch hat nicht etwa, wie sich die Frommen nur gar zu leicht schmeicheln, in einer specifischen Gottlosigkeit Unserer Tage, welche überall nirgends anders existirt, als in der kranken Phantasie der gegenwärtigen Frömmigkeit, ihren Grund, sondern leider in der gegenwärtigen Beschaffenheit der Frömmigkeit selbst." „Ja", ruft Baumgarten aus, „wären nur nicht die von der äußersten Rechten, welche alle politischen Sünden und Schanden mit Bibelsprüchen zudecken, dann wäre die Frömmigkeit auf der linken Seite nicht so verachtet und verhaßt. Aber merkt man denn nicht, daß alle Verachtung und aller Spott die unheimliche Macht der falschen Frömmigkeit nicht entwurzelt? In Rom war der Glaube längst dahin und ein Augur spottete über den anderen, und doch blieb der Aberglaube eine politische Potenz, die Niemand ungestraft ignoriren durfte. So ist es auch heute noch. Die Priester'und Laienpfaffen des modernen Aberglaubens gebieten immer noch über die Zauberformeln, welche das Gewissen der Hohen und Gewaltigen einlullen. Dagegen verschlägt nicht Verachtung, Spott und Aufklärung. Der Aberglaube ist die eigentliche Citadelle der Reaction; wird diese nicht erobert, so bleibt die Freiheit illusorisch. Der Aberglaube kann aber nur auf seinem eigenen *) Diese Charakterisirung der „kranken Frömmigkeit" paßt weniger auf die jüdische, Redaktion.. Grund und Boden entwurzelt werden, nur der Glaube ist im Stande, seine geheimnißvolle Macht zu brechen." Merken wir noch folgende Stelle aus dem Vorwort an: „David ist König desjenigen weltgeschichtlichen Volkes, welchem das Priesterthum für die Menschheit anvertraut ist." Man bemerke, daß der Verfasser nicht etwa „anvertraut war", sondern „ist" sagt. Wenn dies ein nicht pietistischer Christ sagt, wie kann man jüdischen Autoren und Rednern einen Vorwurf daraus machen? Literarischer Wochenbericht. Bonn, 8. August. Die Stiftshütte in Bild und Wort gezeichnet von Wilhelm Neumann, mit 79 in den Text gedruckten Abbildungen und 5 Tafeln in Buntdruck. Was an diesem Werke am lobenswertesten, ist die vorzügliche Ausstattung. Sonst ist es hervorgegangen aus christlich-pietistischer Anschauung, lebhafter Phantasie und mancherlei Studien. Die Freiheit der Vorstellungen hat sich wohl selten in dem Grade mit der Gläubigkeit und dem Mangel an Kritik vereinigt, wie in dem vorliegenden Werke, welches daher der Alterthumswiffenschaft bei aller Fülle und Pracht der Bilder nur wenig Ausbeute liefert. Dabei ist der Styl nebulirend, unklar und weitschweifig. Wir geben zu, daß es der einfachen Auffassung des biblischen Wortsinnes und der philologischen Kritik wenig gelingt, ein vollständiges und klares Bild der biblischen Alterthümer, namentlich der heiligen Bau- und Bildwerke, zu verschaffen, was seinen Grund in der nur lückenhaften Beschreibung durch das Wort hat. Aber das Fehlende durch die Phantasie und durch willkürliche Herbeiziehung fremder Alterthümer zu ergänzen, ist am wenigsten rathsam, weil da der Spielraum ein gar weiter ist und ein Jeder etwas Anderes daraus machen wird. Wie der Verfasser dieses vor seiner biblischen Gläubigkeit rechtfertigen will, ist uns undeutlich geblieben. Heben wir z. B. die Cherubim hervor. Der Vers, zieht assyrische Bildwerke herbei, ohne zu bedenken, welchen feindlichen Gegensatz die heil. Schrift überall zu Assyrien bildet, und componirt sich die Cherubim als Stiere mit einem Menschenantlitz, einer Löwenmähne, zwei Adlerflügeln und zwei Hörnern, auf dem einen.Vorderfuß knieend und das Antlitz zur Erde gebeugt. Daß für diese Vorstellung auch nicht die geringste Anknüpfung in der Beschreibung der Cherubim