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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1862-09-02 · Heft 36 (2.9.1862) · p. Seite 501

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
26 (1862)
Issue
Heft 36 (2.9.1862)
Date
1862-09-02
Page
Seite 501 (sequence 3)
Language
German
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50t einzelnen fraglichen Momente zu schaffen, da nur von solchem Bewußtsein aus für die Gesammtheit wie für jeden Einzelnen eine weitere und gesündere Entwickelung erfließen kann. Unsere Resultate sind also:. 1) Nicht der Mosaismus und nicht der Talmudismus für sich sind das eigentliche Judenthum, sondern dies ist wesentlich das geschichtliche Judenthum, das nach den großen Fügungen der göttlichen Vorsehung den großen Gang der Entwickelung durchschritten hat und durchschreitet. 2) Wie mit dem zweiten Tempelbestande und mit der Zerstreuung der Juden in alle Länder, so hob eine neue große Phase dieser Entwickelung im Judenthume mit dem Eintritt der Juden in das bürgerliche und Culturleben der Völker seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts an, eine Phase, die als das Werk der göttlichen Vorsehung betrachtet werden muß, und ebenso wie der zweite Tempelbestand und die Zerstreuung neue Lebensbedingungen für das Judenthum brachte, denen es sich nicht entziehen kann. 3) Mit dem Beginne dieser neuen Phase fingen die Juden im westlichen und mittleren Europa an, in ihrer Gesammtmasse eine völlige Reform durchzumachen. Diese Reform ging vor sich in ihrer Wohnung, Kleidung, Sprache und äußerer Sitte, in ihren gesellschaftlichen, gewerblichen, bürgerlichen und staatsbürgerlichen Verhältnissen, in ihrem Geistesleben, der Volksbildung, Wissenschaft und Kunst, in den Instituten der Gemeinde und des Religionsunterrichtes. In allen diesen Momenten geschah die Reform entschieden, allgemein und ohne Streitfrage; auch im öffentlichen Cultus trat die Reform ohne Widerspruch hinsichtlich der äußern Ordnung und Andacht, des angemessenen Gebetvortrages, der Predigt und des Chorgesangs ein, und es erhoben sich Discussion und Verschiedenheit nur über die Abschaffung der Piutim und einzelner Gebetstücke und GeLetformeln, über die Einführung des dreijährigen Cyclus, der Lieder und Gebete in der Landessprache und der Orgel. - 4) Eine eigentliche Principienfrage erhob sich aber nur auf dem Gebiete des häuslichen und persönlichen Cultusgesetzes, namentlich des Sabbath - und Speisegesetzes, sowie des Eherechtes, da hier der Conflict mit dem Leben am drängendsten war. Diese Principienfrage brachte theoretisch und praktisch drei Richtungen zu Wege, von denen die eine die Verpflichtung auf das bisher gültige Gesetz absolut bejaht, die andere verneint, die dritte aus geschichtlichen, Pietäts - und Nützlichkeitsgründen eine vermittelnde, theils conservirende, theils umgestaltende ist. — Wenn wir auf Grund dieser objectiven Betrachtung der Gegenwart einen Blick in die Zukunft zu werfen uns gedrungen fühlen, so haben wir uns vor Allem bewußt zu machen, daß, allen Klagen, Zweifeln und trüben Ansichten gegenüber, die Lebenskraft des Judenthums sich glänzend bewährt hat und immerfort bewährt. Wenn einerseits ein Volksstamm nach jahrtausendlangem Druck und vollster äußerer und geistiger Abschließung sich daran macht, in allen seinen Lebensbeziehungen eine vollständige Umbildung vorzunehmen und die Kraft besitzt, sie trotz allen Hindernissen von außen und innen entschieden, durchzuführen, so hat er damit einen Vigor, eine Vitalität erprobt, die an seinem Berufe zu fortwährender Dauer nicht den geringsten Zweifel aufkommen läßt. Wenn er andererseits innerhalb dieses großen Processes das Bewußtsein und die Absicht bewahrt, an sich zu bleiben, was er war, sich und seine Aufgabe niemals aufgab, sondern vielmehr erst recht zum Bewußtsein derselben gelangte, so. ist dies eine zweite noch sicherere Bürgschaft seiner Fortexistenz. Trotz der großen Umwandlung im Geistes-, bürgerlichen und Familienleben ist nirgends ein Beispiel vorgekommen, daß sich auch nur die kleinste jüdische Gemeinsamkeit aufgelöst hätte, wobei es ganz gleichgültig war, ob die Staatsregierung einen bindenden Zwang ausübte, eine gesetzliche Norm aufstellte, oder die Juden ganz sich selbst überließ. Im Gegentheil zeigte es sich in allen entfernten Regionen der Erde, in Amerika, Australien, wie am Kap und in Indien, daß der uralte Drang in den Juden, überall, wo sich eine Anzahl zusammen- - fand, eine religiöse Gemeinschaft zu bilden, noch ebenso lebendig, wenn nicht noch lebendiger sei. Die Energie, mit welcher auch di-, europäischen Gemeinden nach den Bedürfnissen der Zeit eine Neuconstituirung, eine'neue Regelung ihrer Verhältnisse und den Aufbau neuer prächtiger Synagogen unternahmen, mit welcher sie an die Organisirung und Ausdehnung ihrer Wohlthätigkeitsanstalten und an die Schöpfung eines neuen Schulwesens gingen, legt em uywidersprechliches Zeugniß für ihre Lebenskraft und Zukunft ab. Hierzu kömmt die gedeihliche Entwickelung einer neuen Literatur, die, aus der einzigen Verarbeitung des halachischen Stoffes sich herauswindend, über alle Gebiete des Judenthums, namentlich über seine Geschichte und seinen Lehrinhalt sich ausdehnt, den Geist in Fluß bringt und. Leben und. Eifer weckt — wahrlich kein Zeugniß des Absterbens und des Verfalls. Mag

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