Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1862-08-26 · Heft 35 (26.8.1862) · p. Seite 491

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
26 (1862)
Issue
Heft 35 (26.8.1862)
Date
1862-08-26
Page
Seite 491 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3226310-3226346--20577-3249652
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

4SI Welches ein anonymer Pesther Großhändler in No. 29 Ihrer Zeitung von der Pesther Gemeinde entwarf, wird gewiß in den betreffenden Kreisen böses Blut machen und eine scharfe Replik Hervorrufen. Nun, wir haben keineswegs das Mandat, als Anwalt für die Pesther Gemeinde in die Schranken zu treten; allein einige Bemerkungen können wir im allgemeinen Interesse des Judenthums nicht unterdrücken, und hoffen, daß Sie, nach dem Grundsätze: Audiatur et altera par8, denselben in Ihrem vielgelesenen Blatte einen angemessenen Raum schenken werden.— Daß der sehr ehrenwerthe Anonymus im Schoße der Pesther Gemeinde keine Glaubensinnigkeit findet, diese Entdeckung könnte er heutzutage bei fast allen großen, mitunter auch bei kleinen jüdischen Gemeinden machen. Der Quelle dieser traurigen Erscheinung nachzuspüren, ist hier nicht der Ort, diese Quelle decken Sie genügend auf m den trefflich geschriebenen Leitartikeln: „Die Reform im Judenthume". Daß aber die Pesther Gemeinde Mangel leidet an Gemeinsinn und Gemeingeist.— das klingt, unserer Meinung nach, doch ein wenig zu grell und zu hart. Wie kommt es, fragen wir ganz einfach, wenn die Pesther Gemeinde keinen Gemeinsinn hätte, daß doch binnen 3 Jahren ein Tempel aufgeführt wurde, der, was Pracht, Eleganz, Ausstattung und Kostspieligkeit anbelangt, seinesgleichen in gar keiner jüdischen Gemeinde der Welt hat? Wie kömmt es, daß sie, um ihre Institutionen erhalten und ihre Beamten honoriren zu können, ein jährliches Budget von circa achtzigtausend Gulden präliminirt und dasselbe auch aus eigenen Mitteln deckt? Wenn hie und da ein junger, teicher Israelit in Gesellschaft, besonders in Gegenwart von Christen, verächtlich und wegwerfend über seine Glaubensgenossen sich ausspricht, so ist das eine Anomalie, über die wir getrost zur Tagesordnung übergehen und uns denken können: dieser Mann ist nicht nur aller religiöser und sittlicher Gefühle baar und ledig, sondern er ist zugleich charakterlos, und gegen Charakterlosigkeit kämpfen selbst die Götter vergebens. — Daß die polnischen und russischen Juden dem Herrn Anonymus höher stehen, als die Pesther, nun, das ist Geschmackssache. Es sollen nur einmal diese polnischen und russischen Juden ihre jüdische Tracht ablegen, ihre Jargonsprache mit der Landessprache vertauschen, überhaupt in ihrem ganzen socialen Leben sich ganz dem ihrer christlichen Mitbürger anpassen, wie es bereits der mittel-und westeuropäische Jude gethan hat; ßs sollen nur einmal diese polnischen und russischen Juden weniger mit ihren Baalschems und Rebbis umgehen, als mit Männern, die auf der Höhe der Zeit stehen, weniger Aufmerksamkeit schenken dem Sohar und der Kabbala, als den profanen Wissenschaften — und wir werden sehen, ob diese polnischen und russischen Juden noch dieselbe Glaubensinnigkeit bewahren werden wie bis jetzt. Um aber die in neuerer Zeit dem Judenthume abhanden gekommene Glaubensinnigkeit wieder nach Möglichkeit in ihr altes Recht einzusetzen, halten wir kein besseres Mittel für geeigneter, als wenn unsere Jugend, von der Elementarschule angefangen bis hinauf zur Universität , mit der Geschichte unserer Glaubensgenossen innigst vertraut gemacht würde; aber nicht, wie es bis jetzt geschah, daß die jüdische Jugend blos in kurzen Umrissen die biblische Geschichte bis zur Zerstörung des ersten, höchstens des zweiten Tempels durchmachte; nein, wir legen hier den Ton und das besondere Gewicht auf das Vertrautwerden mit der Geschichte der Israeliten von ihrer Zerstreuung in allen Welttheilen bis auf unsere Zeit herab. Daß ein derartiges Werk, populär geschrieben und dem jedesmaligen Bildungsgrade der Schüler angemessen, noch nicht existirt, ist wohl wahr; daß aber das Judenthum bereits tüchtige Kräfte besitzt, um ein solches Werk, gestützt auf die Geschichtswerke eines Dr. Jost und eines Dr. Grätz, liefern zu können, bedarf wohl keines Beweises. Deutsch. S. A. Ujhely, 8. August. (Privatmitth.) Unter Bezugnahme auf die nach dem Wanderer in der Zeitung des Juden thums No. 32 gebrachten Mittheilungen überein in Kaschau stattgehabtes Mißverständniß erlaube ich mir, nachdem sich in jenen Artikel so Manches Ungenaue eingeschlichen hat, folgende Berichtigung zu machen : Leider kann ich die rohen Ausfälle des Vice-Stadthauptmanns Lukhorn in Kaschau gegen mich nur in seinem ganzen Umfange bestätigen; doch befinde ich mich nicht in der Lage, gleich dem Wanderer, von der geringsten Genugthuung, die mir ward, zu berichten. Unwahr ist es ferner, daß mein Vater zu meiner Befreiung auf das Stadthaus eilte, vielmehr wollte sich derselbe eben nur bei Herrn Lukhorn nach der Ursache meiner Arretirung erkundigen, und war dieserhalb vom Mittagsmahle aufgesprungen. Mein Vater aber wurde trotz seines höflichen Anfragens mit mir gleichzeitig in das Stadthaus geschleppt und in Verwahrung gebracht. Erst den vornehmsten Bürgern gelang es, uns als solide Kauf- 35

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.