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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1862-08-26 · Heft 35 (26.8.1862) · p. Seite 486

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
26 (1862)
Issue
Heft 35 (26.8.1862)
Date
1862-08-26
Page
Seite 486 (sequence 4)
Language
German
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486 fast nirgends Autorität und Verwirklichung gefunden hatte. In der christlichen Kirche war zur Zeit der Reformation ein großer Theil der Christenheit weit über den Standpunkt der alten Kirche hinaus, die aber durch die Wucht ihrer staatlichen Zwangsmittel jenen zurückhalten konnte. Es bedurfte daher eines gewaltsamen Bruchs mit ihr, der aber dann sofort einen unermeßlichen Erfolg hatte. Anders war es im Judenthume, wo der allmähligen Entwickelung der Individuen durchaus kein äußeres Hinderniß im Wege stand, und ste daher ungestört alle ihre Stufen durchmachen konnte. Es fand deshalb in ihm keine Stauung statt und konnte somit ein plötzlicher Durchbruch nicht zum Vorschein kommen. Man wollte einfach für die alte Autorität keine neue einfetzen, und die letztere hatte gar keinen Raum, sich zu bilden. Andererseits, sagten wir, hat die Stellung der Rabbinen ihren ursächlichen Antheil daran. Abhängig von den Gemeinden, die stets aus gemischten Elementen bestanden, welche eine entschiedene und entscheidende Stellung des Rabbinen nicht ertragen konnten, durften sie mit energischen Reformplänen theils gar nicht hervortreten, theils weder in Schrift noch in Werk durchzuführen versuchen. Zwar gab es anfänglich noch außerhalb des Rabbinerstandes sachverständige Männer, die jedoch höchstens eine Verbesserung des öffentlichen Gottesdienstes, wie es z. B. in Hamburg geschehen, örtlich unternehmen konnten, darüber hinaus hätte ihnen die Möglichkeit der Wirksamkeit durchaus gefehlt. Später starben, diese Männer immer mehr aus und die Kenntniß des jüdischen Gesetzes wurde das ausschließliche Eigenthum der Fachmänner. Trotzdem steckt hinter allen diesen Erscheinungen eine große Principien frage, die wir im Folgenden besprechen wollen. (Fortsetzung folgt.) Die Neaction in unserem Aicirste. Daß seit 1849 die Reaction, indem sie mit einer bis dahin ungekannten Heftigkeit und ungebundener Schamlosigkeit auftrat, insonders die Juden mit aller Wuth anfiel und kein Mittel scheuete, dieselben der Verachtung und Verfolgung zu überantworten, ist Jedermann bekannt. Sie ging dabei nicht blos von einem principiellen Motive aus, die Juden wieder aus allen staatsbürgerlichen Positionen zu verdrängen, womöglich ihnen ihre Stellung im alten Ghetto und ihr Gewerbe im alten Trödel anzuweisen, sondern ließ sich auch noch von zwei anderen Absichten leiten. Da nämlich selbstverständlich auch Juden an den Bewegungen von 1848 Theil genommen, wollte sie hierfür alle Juden strafen, sich für die augenblickliche Bedeutung, welche damals einige Juden errungen halten, an allen rächen; andererseits aber auch das im Volke noch vorhandene Vorurtheil noch benutzen, um alle liberalen Ideen und Bestrebungen zu verdächtigen, zu beschimpfen und in Mißachtung zu bringen. Sie gewöhnte 'sich daher, Alles, was nicht feudalistisch, pietistisch und reactionär war, „jüdisch" zu nennen, alle Liberalen „Juden" und „Judengenossen", alle Zeitungen und Zeitschriften von Nicht-Kreuzzeitungs-Tendenz „Judenblätter", ohne Unterschied, welcher Religion die Männer oder die Redacteure und ihre Mitarbeiter angehören. Es geht dies so weit, daß selbst auf christlich kirchlichem Gebiete diejenigen Christen, Pastoren, Kirchenvorstände, welche dem Pietismus und seinen krassesten Ausgeburten nicht huldigen, „Juden" genannt werden. Ein ergötzliches Beispiel liegt uns aus dem Königreiche Hannover vor. Es ist bekannt, daß daselbst ein neuer Katechismus eingesührt werden soll, der das ganze Volk in Stadt und Land in die äußerste Aufregung versetzt hat. Der Teufel spielt in demselben dem lieben Gott gegenüber eine so großartige Rolle, und die durch die Teufelsmacht erforderliche Macht der Geistlichen ist darin so stark hervorgehoben, daß die Bewohner des Welfenstaates sie sich nicht gefallen lasten wollen. Daß in dieser Frage die Juden auch nicht im Entferntesten sich betheiligen und nur die Zuschauer spielen, versteht sich von selbst. Demungeachtet haben die Vertheidiger des Katechismus nichts eifriger zu thun, als alle Gegner desselben für „Juden" und „Judengenossen" zu erklären, und z. B. das „Stader Sonntagsblatt" ergeht sichin grimmigem Zorn über „Klaus, Hans und Peter unter Mauschels Leitung". Wir sind über diese Wendung der Dinge wahrhaft erfreut, und glauben, daß die nachdrücklichsten Lobreden und Vertheidigungen uns keine so großen Dienste leisten können, wie . die Feudalen und Pietisten durch diese ihre Manie und Manier. Wie immer, schießt der Pfeil von einer zu straff' gezogenen Sehne auch hier über das Ziel hinaus. Indem Jene Alles, was ihnen gegenübersteht, durch die Benennung „Jude" und „jüdisch" in Verachtung zu bringen denken, fördern sie diese Bezeichnung zur höchsten Ehre und Bedeutung. Sie identificiren alles Freisinnige, Edle und Schöne mit dem Worte „Jude", und gewöhnen das Volk immer mehr, die Juden auf

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