Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 26 (1862)
- Issue
- Heft 34 (19.8.1862)
- Date
- 1862-08-19
- Page
- Seite 472 (sequence 6)
- Language
- German
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472 für die Moral als für die Rechtswissenschaft neue Anschauung hervorgerufen. Das Verlassen des Vaterlandes in den Tagen der Gefahr berechtige nämlich zu einem Anspruch auf Unterstützung Seitens der zurückgebliebenen Compatrioten. Ich meine die Auswanderung, die nach dem Bombardement sammtliche Bewohner Belgrads mosaischen Cultus, sowohl Ausländer als Inländer, ergriffen haben, zu der aber kein Grund, welcher für jeden andern Bürger Serbiens nicht gelten würde, vorhanden ist. Durch die vollständige Auswanderung, welche noch immer fortdauert, liefern die Belgrader Juden den Beweis, daß sie, weit entfernt, dm Patriotismus ihrer Glaubensgenossen im benachbarten Ungarn sich zum Beispiel zu nehmen, Serbien nicht für ihr Vaterland und sich selbst in demselben für Fremde halten, obwohl die politische Lage eine bei Weitem bessere (sie?!) war, als jene ihrer Glaubensgenossen in manchen andern Staaten Europas." In einer weit eingehenden Replik entgegnete darauf der Herr Rabbiner Oppenheim aus Gr. Becskerek unter Anderm: „Nur der geachteten Redaction des „Wanderers" gegenüber wollen wir bemerken, daß die Belgrader Juden in Folge des Bombardements, da das jüdische und türkische Stadtviertel der Festung am nächsten liegt und bei dem schlechten Bau der Häuser der Gefahr am meisten ausgesetzt war, die Stadt, wie alle übrigen Bewohner in Belgrad, verlassen mußten — und durch die gleich darauf stattgefundene Plünderung der erwähnten Stadtviertel (da die türkischen Bewohner nach dem Gemetzel vom 15. Juni sich in die Festung zurückgezogen) zum ferner» Verlassen des dann auch noch, von der Nationalmiliz und Soldaten besetzten Ghettos gezwungen waren. Wohin sollten sich die Armen . wenden, nachdem sie in der Stadt ausgeplündert wurden und in den innern Städten des Landes, wo denselben das Wohnen bekanntlich verboten ist, konnten sie ja kein Asyl 'finden. Ebenso muß bemerkt werden, daß die serbische Regierung, obwohl Fürst Milosch und dessen Sohn Michael sich den Juden gewogen zeigten und dieselben als serbische, nicht als türkische Unterthanen erklärten, die Juden vom Militärdienste ausgeschlossen, trotzdem sie sich selbst angeboten haben, dem Staate Militärdienste zu leisten. Sie wurden angewiesen, ihr Contingent in ein Geldäquivalent abzustellen, da der serbische Soldat die Juden neben sich nicht dulden mochte. Die Juden durften überhaupt keine Waffen tragen und dies will in Serbien viel sagen, wo Niemand ohne Waffen ausgeht." Als Folie zu dieser wahrhaft giftsprühenden Correspondenz kann der folgende, nichts weniger als judenfreundliche Artikel der serbiscb gesinnten „Neuesten Nachrichten" dienen. „Auffallend muß es uns erscheinen, wenn einige Blätter so sehr Partei für die nach Oesterreich geflüchteten Israeliten nehmen. Dieselben haben aber in den Tagen des Unglücks wenig Patriotismus gezeigt; sie, die hier in Serbien eine freundliche Aufnahme und volle Gleichberechtigung gefunden, die sich schon seit zwanzig Jahren aus eigenem Antriebe nichtme h r als türkische, sondern als serbische Staatsangehörige gerirten. Hätten sie sich nicht auf fremdes Gebiet, sondern, wie die übrigen Serben, nur aus der Stadt geflüchtet (nur vergißt der Schreiber, daß die Juden z. B. vor drei Jahren ans Schabatz, wo sich einige Kaufleute angesiedelt, sogar gegen den Willen des Fürsten Milosch, schmählich ausgewiesen wurden und daß nur in Semendria 10 bis 12 Familien geduldet wurden!), dann hätte die Regierung gewiß Dasselbe für sie gethan, wie für alle andern Unterthanen. Der ihrem Eigenthum durch unbefugtes Gesindel zugefügte Schaden wird übrigens hundertfältig vergrößert. Ist es daher nicht ganz natürlich, wenn der Fürst und die Negierung sich bei Sammlungen für ungetreue (?) Unterthanen, die ins Ausland flüchteten (sind in Semlin und Pancsova nicht auch viele Serben?), nicht betheiligen??" Wir haben wenigstens bei diesem Artikel die Genugthuung, daß darin die Hauptsacten, obgleich vielfach entstellt, eingestanden worden — und wir bemerken blos, daß der Berichterstatter eigenthümliche Ansichten von einer Gleichberechtigung und Gleichstellung haben muß, wenn er behauptet, daß die Juden Serbien, die wirklich und buchstäblich in dem engen Ghetto von Belgrad eingepfercht waren und nicht einmal das Recht der Freizügigkeit hatten, der vollen Gleichberechtigung sich erfreuten! Seit den Befreiungskämpfen der Serben von den Türken in den letzten Decennien waren die Juden immer eilt Spielball zwischen denbeiden Völkern. Die Türken wollten sie als ihre Unterthanen betrachten, weil sie von ihnen ins Land gebracht wurden, und die Serben wiederum als die ihrigen, weil sie sich auf serbischem, vom Türkenjoche größtentheils befreiten Boden befanden! Wie eigentlich de jure deren Stellung ist, scheint noch nicht klar eruirt zu sein, da hier mehr der Usus als das Gesetz Geltung hat. — Herr Rabbiner D. Oppenheim hat in einem Blatte das Comi16,in Semlin aufgefordert, eine historische Denkschrift über die Geschichte der Juden in Serbien in den letzten 30—40 Jahren bis zu ihrem