Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 26 (1862)
- Issue
- Heft 34 (19.8.1862)
- Date
- 1862-08-19
- Page
- Seite 470 (sequence 4)
- Language
- German
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470 der Religionsschule gegenwärtig ihr Gebiet abgesteckt, so hat sie darnach zu streben, in den angegebenen Fächern eine festere und umfassendere Kenntniß und Ausbildung zu erwirken. Eine sicherere und rücksichtsvollere Stellung der Lehrer, eine angemessenere Vorbildung derselben in tüchtigen Seminarien, die regelmäßigen Lehrerconferenzen, die Verbindung des Rabbinerthums mit den obersten Lehrstellen werden diese Wirkung ermöglichen und dann auch in der Masse eine größere Werthschätzung und einen stärkeren Eifer für den Religionsunterricht Hervorrufen. Ein weiteres Bedürfniß stellte sich dann auch für die Vor - und Ausbildung der Rabbiner ein und bringt allmählig die Herstellung theologischer Seminarien oder Rabbinerschulen hervor, die sich zu den alten Jeschiboth ganz so verhalten, wie die gegenwärtige Schule zu den Chedarim. Auch hier dieselbe Erscheinung: die alte Jeschiboth verlassen, die Jünglinge sich selbst überantwortet, um sich durch das ungeheure Convolut 'der profanen Wissenschaften und des lalmudischrabbinischen Materials autodidaktisch durchzuarbeiten, bis die neuen Institute eine geregelte wissenschaftliche theologische Ausbildung ermöglichen. — Wir kommen nun zum öffentlichen Cultus. Die Vergangenheit hinterließ uns den öffentlichen jüdischen Gottesdienst in einem namenlosen Verfall und Wirrsal. Ein cHzu ausgedehntes Zeitmaß, das daher ein beständiges Kommen und Gehen veranlaßte, ein gewaltiges Gebetmaterial, nur zum Theil in reiner, hebräischer, sonst in verdorbenem Gemisch von Hebräisch und Aramäisch, oder in dieser Sprache allein, eine durchaus geschmacklose Vortragsweise durch die Vorsänger, begleitet und unterbrochen mit dem verworrensten und lautesten Geschrei der Gemeinde, verbanden sich mit einer Andachts- und Ruhelosigkeit des Publikums, mit dem nichtigsten Geschwätz der Anwesenden männlichen und weiblichen Geschlechts, mit dem geistlosesten Hergeplapper der Gebete, um dem jüdischen Gotteshause alle Weihe, alle Andacht, alle Ehrfurcht zu rauben. Daß hiermit die kräftigsten Aussprüche und Verbote der älteren Weisen Seitens der orthodoxesten Rabbiner und Gemeinden vernachlässigt und außer Acht gesetzt worden waren, brauchen wir nur anzudeuten. Dieser Zustand hatte, sobald die Umwandlung der Volksbildung angefangen, eine zwiefache Wirkung, einerseits, daß bei einem großen Theile der jüdischen Masse eine Gleichgültigkeit, ja eine Mißachtung des jüdischen Gottesdienstes eintrat, welche dem letzteren nach und nach die Mehrzahl der Besucher entzog und jenen Mangel an cultuellem, ja religiösem Bedürfniß erzeugte, über den, als naturgemäß in den folgenden Geschlechtern immer wehr wach-' send, wir noch heute so sehr zu klagen haben und welcher der eigentliche,Feind aller besseren Gestaltung ist, andererseits, daß das Bedürfniß nach zeitgemäßer Verbesserung des öffentlichen Gottesdienstes überall erwachte. Es bethätigte sich dies: 1) in der Herstellung der Ruhe und Ordnung, Vermeidung jeder Störung, Verbote jedes Geräusches und Gespräches während des Gottesdienstes, 2) in der angemessenen Ordnung im Vortrage der Gebete, namentlich der Unterdrückung des wirren Mitschreiens der Gemeinde, zu diesem Behufe, 3) der Einführung des geregelten Chorgesangs, welchem möglichst die Gemeinde sich einordne, und 4) der Einführung der logischen und. in reiner Landessprache gefaßten Predigt von allgemeinerem jüdischem Inhalt. So weit ging, abermals ungesondert die Gesammtmasse, ohne Unterschied der religiösen Richtung. Aber man wird eingestehen müssen, daß auch dies schon eine in der Tiefe wesenhafte Reform des Gottesdienstes bedeutet, und daß in allen diesen Momenten auch die Orthodoxen der Stabilität und der Heiligkeit des Minhag untreu geworden. Doch verstand es sich von selbst, daß der vorgeschrittenere Theil der Judenheil und der Einklang zwischen der inneren Geistesbildung und dem daraus erfolgenden Bedürfniß mit der Beschaffenheit des öffentlichen Gottesdienstes nicht stehen blieb. Hieraus entsprangen folgende Forderungen, welche die ersten Differenzpunkte zwischen den in der Reform stehen bleiben und den in ihr fortschreiten Wollenden, oder, wie sie sich nennen, den Orthodoxen und Nichtorthodoxen abgaben, nämlich: 1) die Ausscheidung der Piutim und anderer unwesentlichen Gebete, 2) die Einführung von Gebeten und Liedern in der Landessprache, 3) der dreijährige Cyclus der Thoravorlesnng, 4) die Einführung der Orgel, wozu 5) die Abänderung einiger Gebetformeln, welche die Herstellung des Opferdienstes, des jüdischen Staates, die Erscheinung eines.persönlichen Messias betreffen, kommt. Hierüber Meinungsverschiedenheit, Spaltungen in den Gemeinden, Parteikämpfe mit den verschiedenartigsten Erfolgen, der mannigfaltigsten Nüancirungen in diesen einzelnen Reformmomenten, sowie in deren Maßen. Diese Parteikämpfe waren zu Zeiten allgemeine und die Oeffentlichkeit durch die Presse vielfach beschäftigende, die sich aber allmälig zu bloßen Streitigkeiten bald in der einen, bald in der anderen Gemeinde abschwächten. Daß zuletzt eine ganz isolirte Genossenschaft bis zum äußersten Extrem gelangte, dis zur Verlegung des Sabbathgottesdienstes auf den Sonntag, der gänzlichen Verdrän-