Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 26 (1862)
- Issue
- Heft 34 (19.8.1862)
- Date
- 1862-08-19
- Page
- Seite 468 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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468 rung und Bedingung hervor, daß er eben jene Lehren, Gedanken und Vorschriften der Religion wirklich ausprägW daß M in ihm ' leben, daß sie durch? ihn zum Bewußtsein der Menschen kommen und so auf hie Geister wirken. Ist aus ihm das Leben entflohen, der Geist geschwunden, vermag er nicht mehr das Gemüth anzuregen, die Denkkraft zu wecken, die Gefühle zu beleben, den Aufschwung zu Gott zu bewirken und den sittlichen Ernst und die sittliche Th alkrast zu schaffen und zu starken: so ist er nach Maßgabe dieser Veränderung zu einem bloßen Convolut von Formen geworden, welche höchstens noch den Werth eines äußeren Verbandes, einer ganz äußerlichen Existenz haben, hingegen durch ihre Geistlosigkeit hemmend influiren, die Seelen Niederhalten, zur bloßen Formheiligkeit und dadurch zur Unsittlichkeit und Heuchelei führen und aufIlberglauben beruhen. Diese Entgeistigung oder Entseelung des Cultus wird durch zweierlei Umstande hervorgerufen, theils nämlich durch ihn selbst, wenn er durch allzugroße Verästelung, Detaillirung, Feststellung bis ins Kleinste eine gewaltige Menge von Formen schafft, in welchen die Lehren, Gedanken und Vorschriften der Religion von vornherein keinen Platz mehr haben und der Geist der Religion in ihnen so verdünnt worden, wie der homöopathische Arzneikörper im Billionstel Tropfen; theils durch eine große Umwandelung der Geistesbildung und Geistesrichtung, so daß diese mil der Art und Weise, wie der Eultus in seinen Formen die Gedanken der Religion ausgeprägt hat, nicht mehr Zusammentreffen, zwischen beiden der Zusammenhang, die Unmittelbarkeit fehlt, und so der Cultus für den umgewandelten Geist eine todte Form wird. Es versteht sich von selbst, daß dieses Erzeugniß einer geistigen Reform ebenso wenig plötzlich und vollständig auftritt, wie die geistige Reform selbst, ferner, daß es sich niemals hierbei um den ganzen Cultus handelt, sondern daß sich der Geist aus ihm nur allmählig und theilweise herauszieht, während der Kern desselben mehr oder weniger sein volles Leben behält. Wir brauchen heute nicht erst nachzuweisen, denn wir haben es oft genug schon gethan, daß diese Erscheinung in der langen Geschichte des jüdischen Cultus sich bereits mehrmals wiederholt hat, und daß, so wie wir noch heute, selbst nach dem Untergange der Stifts- Hütte und des Tempels und nach dem Verluste des heiligen Landes, noch einen bedeutenden Kern des mosaischen Cultus lebenskräftig haben, um diesen dennoch wiederholt die weitere Ausprägung sich gewandelt und in sehr verschiedener Gestalt die Jahrhunderte durchlebt hat, ja daß auch innerhalb derselben Formen in den verschiedenen Zeitaltern'sehr verschiedene religiöse Gedanken lebendig waren. Wer sich Hierüber belehren will, Är gehe? beispielsweise die Geschichte der jüdischen Feste durch, ihrer Bedeutung und ihrer Formalien, und die obigen Betrachtungen werden ihm zum vollen Verständniß kommen. Wir haben diese Betrachtung vorangeschickt, um die Bedeutung des Cultus klar zu machen und ihn eben so sehr vor Ueberwie vor Unterschätzung zu bewahren. Es werden dadurch die Kämpfe auf dem Gebiete des Cultus in ihrem Werthe einsichtlich, Kämpfe, die übrigens so alt sind wie der Cultus selbst, die um jeden Anfang und jedes Ende einer Cultusphase sich erheben und die bei den Propheten schon so scharfen Ausdruck einerseits gegen die Überschätzung des Cultus, z. B. der Opfer mit ihrem Gefolge,, von Formheiligkeit und Heuchelei, von Frömmigkeit, welche die unsittlichsten Handlungen decken soll, andererseits gegen seine Unterschätzung, z. B. gegen die Entheiligung des Sabbaths, hervorriefen. Endlicb ist es aus unseren Erwägungen klar, daß die gänzliche Reform im äußeren und inneren Leben der Juden .mit einem unveränderten, vollständig stabilen Cultus gar nicht vereinbar blieb, wie sich dies uns schon bei der oberflächlichen Betrachtung der altjüdischen Sitte ergab. Dies ist also das eigentliche Feld streitender Richtungen im gegenwärtigen Judenthume. Man bezeichnet sie als Kämpfe um die Reform, während sie jedoch nur Kämpfe um die Reform im jüdischen Cultus genannt werden dürften, da die wesentliche Reform in allen äußern und innern Lebensmomenten, namentlich auch in der Geistesrichtung, Volksbildung und religiösen Anschauung, ja der Auffassung des Lehrinhalts der Religion innerhalb der gesammten jüdischen Masse bereits entschieden vor sich gegangen ist. Der Kernpunkt des Streites ist einfach: daß die Einen den Cultus als unveränderlich in allen seinen Theilen, als aller Umgestaltung des Lebens und Wesens gegenüber von dieser unantastbar behaupten, die Anderen als den Consequenzen der Entwickelung ebenfalls unterworfen anerkennen. Indem wir die Erörterung des Für und Gegen verschieben, betrachten wir zuvor die gegenwärtige Sachlage. Der Cultus ist theils ein öffentlicher, theils ein häuslicher, theils ein persönlicher. Allerdings giebt es nun Cultusmomente, welche sich auf alle drei, oder auf zwei dieser Partien ausdehnen, aber auch solche, die blos einer derselben angehören. Voran die äußeren Institute des Cultus: die Gemeinde, die Synagoge und der Re-