Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 26 (1862)
- Issue
- Heft 33 (12.8.1862)
- Date
- 1862-08-12
- Page
- Seite 456 (sequence 6)
- Language
- German
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456 macherei beabstch.tige, doch sehr leicht dazu verleiten könne, lag nahe. Anderseits.war es sehr schwierig, neben den allgemeinen Schulkosten noch den Gehalt für einen besonder» Religionslehrer aufzubringen, welcher zudem nach §.62 Art. 2 des Gesetzes die Qualifikation und Concesfion des Elementarlehrers haben mußte und hienach seine Ansprüche stellte. Die israelitischen Gemeinden haben deshalb vielfach von der in dem ersten Absätze des §. 64 ihnen gestatteten Ausnahme Gebrauch gemacht, eine Privatfchule errichtet und einen Privatlehrer angenommen. — Es läßt sich nicht läugnen, daß viele jüdische Gemeinden für die Errichtung und Unterhaltung dieser Privatschulen große und. schwere Opfer gebracht haben und noch bringen. Dennoch ist die Stellung der Lehrer an diesen Schulen eine unerquickliche. Derselbe ist in der Regel zugleich Cantor und Vorbeter. Dabei muß er stets dafür sorgen, daß er mit jedem einzelnen Mitgliede der Gemeinde auf dem besten Fuße steht. Er ist contractlich angestellt:, ein einflußreiches, ihm ungünstig gestimmtes Gemeindemitglied kann jederzeit seine Kündigung bewirken, ihn vertreiben. Diese Eventualität muß der Lehrer stets im Astge behalten; er ist nie sicher, ob er nicht nach Ablauf der Contract- oder Kündigungszeit Heu Wanderstab ergreifen und sich eine neue Heimath suchen muß. ^Welche Abhängigkeit dieses Berhältniß der äußeren Stellung des Lehrers, zumal wenn er Familienvater ist, verleiht, ist ersichtlich. Aber auch innerlich wird der Lehrer mit seiner Gemeinde und seiner Schule nie zu einem Ganzen verwachsen können, da die Garantie der Dauer fehlt. Diesem Uebelstande könnte zwar theilweise durch Abschluß von Verträgen auf Lebenszeit abgeholfen werden, allein hiezu sind die Gemeinden fast nie zu bewegen. Sie wollen sich nicht für immer binden; den Mann, der feine Lebenskraft an die Heranbildung ihrer Jugend gesetzt, nicht ernähren, wenn er dereinst schwach und arbeitsunfähig geworden. —• Dieselbe Erfahrung würde man, wenn es dieselben Opfer erheischte, ganz bestimmt bei christlichen Gemeinden machen, wenn hier nicht die schützende Hand des Staates eingriffe. Den Behörden gegenüber ist der, jüdische Lehrer ebenfalls nur ein Privatmann. Sie fordern von ihm die Qualisication eines Elementarlehrers und gehen ihm im vorkommeuden Falle die „jederzeit widerrufliche" Concession, in einer jüdischen Gemeinde .pen. Elementarunterrichts zu er-, theilen. Weiter kümmern sie Ich nicht um feine Stellung. Es ist zwar in einem Mimsterial-Rescript vom 29. April 1829. den Regierungen, empfohlen typrden, dafür zu sorgen, daß. nach, zwei - bis dreijähriger Anstellung des israelitischen Lehrers, ein Definitivum. eintretL; allein diese Anordnung ist durchgehends illusorisch gewesen, weil den Negierungen, weder, ein. Zwangsmittel,- noch dem Lehrer ein Rechtsmittel zur Stütze jener Anempfehlung geboten ward. Die innere Einrichtung dieser Schulen wird von den Behörden in gleicher weise wie die der christlichen Privatschulen beaufsichtigt. Hiebei sind aus Unkenntniß der speciell jüdischen Verhältnisse mehrerlei Mißständenicht ausgeblieben, So ist beispielsweise von einigen. Schul-Jn-. spectoren und, Bezirksregiernngen der Unterricht.in der hebräischen Sprache als ein fremder vom Schulplane gestrichen worden. Der Gottesdienst bei den Israeliten wird größtentheils in hebräischer Sprache abgehalten. Was soll dem Heranwachsenden Geschlecht das ihm unverständliche Gebet? Ob es überhaupt nothwendig, daß die Gebete hebräisch sind, ist eiye Frage, deren Lösung dem Lehrer allein weder zugemuthet werden kann, noch bei dem vorwallenden .Gebrauche von der Gemeinde ihm zugostanden wird. Es. hat sich indeß noch nirgends gezeigt, daßdie in dieser Sprache unterrichteten Kinder in. den Elementarfächern hinter den christlichen Kindern zurückgeblieben wären, Die precäre und abhängige Stellung, der jüdischen Lehrer hat die, einfache Folge, daß gerade die begabteren unter ihnen diese Carriöro verlassen, da jede andere Laufbahn ihnen, doch wenigstens zuletzt eine unabhängige Stellung im Leben in Aussicht.stellt, daß die Anzahl intelligenter und aufgeweckter.Jünglinge, so sich diesem Stande widmen wollen,- von. Jahr zu Jahr abnimmt. Der Beruf eines Lehrers ist an sich ein mühsamer und dornenvoller. Jeder Lehrer muß seine Befriedigung in sich selbst und in der treuen Erfüllung, seiner Pflicht suchen. Wenn aber, der jüdische Lehrer sieht, wie sehr er bei gleicher Vorbereitung und Befähigung hinter seinem christlichen Collegen zurücksteht, wie er sich jeden Tag die Unsicherheit und- Abhängigkeit seiner-Lage und die Ungewißheit seiner Zukunft vor Augen halten muß, dann Wirdes Niemand einem, selbstständigen Menschen verdenken, wenn, er sich einer solchen Lage entzieht. Es würden sicherlich noch mehr israelitische. Lehrer, als bisher geschehen, ihrem Berufe entsagt, haben, wenn sie nicht immer auf eine Besserung, der gesetzlichen Verhältnisse gehofft hätten. Eine Täuschung hierin würde, die Zahlder Lehrer und der Lehrercandidaten noch, mehr vermindern, als bis jetzt' der Fall war. Das Letztere ist aber auch deshalb -schon für die Zukunft vorauszusehen, weih abgesehen hiervon, der durch die allgemeinen Zeitverhältniffe bedingte leichtere Zugang zu allen Lebensberufen/ für die israelitischen-