Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 26 (1862)
- Issue
- Heft 32 (5.8.1862)
- Date
- 1862-08-05
- Page
- Seite 438 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3226310-3226343--20517-3249589- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
438 blick rasten ünd einen Blick auf den zurückgelegten Weg werfend Was hat sich uns als unwiderleglich erwiesen? Daß die Inden im wesilichen und mittleren Europa während des'letzten Jahrhunderts' in allen wesentlichen Partiendes äußeren und inneren Lebens eine vollständige Reform erfahren Haben, daß sie wie in Wohnung, Kleidung, Sprache und Sittein allen gesellschaftlichen Beziehungen, im bürgerlichen und staatsbürgerlichen Wesen und m der Gewerbsthätigkeit, so auch in der ganzen GeisteSwelt, in Wiffenfchäft, Kunst und Volksbildung, endlich in der Geschichtskenntniß ihres- Glaubens und Stammes, im Bewußtsein ihres weltgeschichtlichen Berufes, in der- Bedeutung'und Auffassung des Lehrinhalts ihrer Religion, in ihrer ganzen religiösen Anschauung bis tief in den Schooß ihrer religiösen Dogmen und Vorstellungen einen völligen'Umschwung , einen mit der Vergangenheit coNtrastirenden Gegensatz erlangt haben. Es erwies sich ferner, daßalle diese Momente-in einer freien und freiwilligen Bewegung - erreicht wurden und daß sie weder der Antheil, noch das Erstrebniß einer einzelnen Partei oder Richtung waren, sondern von der Gesammtheit erarbeitet, angenommen und erreicht sind, und dahep als objective Thatsächeri anerkannt werden müssen. Es muß daher endlich begriffen werden, daß die sämmtlichen Juden deS westlichen und mittleren Europas völlig reformirte Juden sind, so daß noch restirende Ausnahmen eben nur geringfügige Ausnahmen sind. Möge daher endlich däs thörichte Geschrei über die „Reformjuden" aufhören und sich als eine tendenziöse Phrase, aus welcher eine gewisse Partei außerhalb und innerhalb der Judenheit Pfeile der' Anklage schmieden will, sich kennzeichnen. Wer unsere -ganze Darstellung vorurtheilslos durchlieft und prüft, wer ^alle die mächtigen Lebensmomente beachtetem welchen unwiderlegbar die Gesammtmasse der Juden sich auf einen gegensätzlichen Standpunkt geschwungen hat, der kann die vollständige Reform im Judenthume, die geschehen und längst verwirklicht ist, nicht mehr verkennen, nnd es wird ihmdaß ihm dies als eine Thatfache erscheintvon keiner Entscheidung dünken, ob über einige gottesdienstliche Formen und Bräuche noch Streit und- Zwiespalt vorhanden ist, so wichtig dies auch aus anderem Gesichtspunkte erscheinen mag. Nicht minder wird es ihm lächerlich Vorkommen, daß man einzelne Persönlichkeiten, die im Beginn und Fortlauf dieser großartigen und-umfassenden Entwicklung mitwirkend auftraten, einerseits als die Urheber und Träger derselben erhoben, andererseits mit Anklage und Beschuldigung überhäuft hat, während sie doch nur einzelne Ziffern in dem großen Rechenexempel der Vorsehung bedeuten, einzelne Wellenschläge in der großen Strömung des Volks'-'und Zeitgeistes sind. Wir haben mit unserer Darstellung bis hierher allerdings beabsichtigt, das Bewußtsein über diesen Ganz unserer Entwicklung ' aufzuhellen Und inmitten der Wirrsäle, welche der Tag mit sich führt, ein klareres Verstäudniß zu schaffen; demungeächtet hatten und haben wir auch den besonderen Zweck, einerseits deutlich zu machen, daß neben dem. großen Gebiete des äußeren und inneren Lebens, auf welchem die Reform im Judenthume' für Alle und, wenn nicht vollendet, doch entschieden ist, das noch übrige cultuelle Feld, auf welchem sich noch Parteien tummeln, nur geringfügig erscheint, und andererseits, daß sich aus den von uns betrachteten Erscheinungen auch für das cultuelle Wesen Consequenzen ergeben, denen ihre Befriedigung nicht vorenthälten werden kann. Dies ist es, womit wir uns im Weiteren beschäftigen werden. (Fortsetzung folgt.) Zeitungsnachrichten. Deutschland. Möhringen (Württemberg), im Juli. (Privatmitth.) Am 13. d. feierte der Herr Rabbiner Dr. Wasserm an n sein 25jähriges Atntsjubiläum, zu welchem ihm von vielen Seiten, auch von der königl. Staatsbehörde, viele Beweise der Theilnähme und Anerkennung gespendet wurden. (Das' Nähere berichtet eine Correspondenz im „Jüdischen Volksblatt.") Preußen. Bonn- 24. Juli. (Privatmitth.) Von hoher Stelle ist in der letzten Zeit wiederholt zwischen der „edlen" und „schmutzigen" Presse die Rede gewesen und dabei nicht undeutlich zu verstehen gegeben worden, daß unter jener die sogenannten conservativen Organe, unter dieser die' liberale Presse zu verstehen sei. Die öffentlichen Blätter haben nicht unterlassen, über den wahren Charakter der reaktionären Zeitschriften faktische Aufklarüngen zu bringen, und wir freuten uns, von jenen M Beispiel auch folgende Stelle der Kreuzzeitung gebracht zu sehen. „Graf Schwerin hat bei der letzten Debatte im Abgeordnetenhause über die Anstellungsfähigkeit der