Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 26 (1862)
- Issue
- Heft 32 (5.8.1862)
- Date
- 1862-08-05
- Page
- Seite 437 (sequence 3)
- Language
- German
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437 vor unserer Zeit abgeschwächt war, Um so natürlicher war es, daß der neueren Zeit, dieses Dogma in einem anderen Lichte erschien und schnell eine andere Auffaffung sich Bahn brach. Die Lehre vom persönlichen Messias wandelte sich in die Vorstellung von einer messianischen Zeit, daß nämlich in der Entwicklung der Menschheit eine Zeit kommen werde, wo unter der Wallung vergöttlichen Vorsehung die Erkenntniß des einzigen und einigen Gottes' die allgemeine, und jene in der Thora aufgestellten Grundsätze der Gottesfurcht, Liebe und Gerechtigkeit, die unbedingt herrschenden, und dadurch ein allgemeiner Friede unter den Menschen bestehend werde. In dieser Auffassung wurden die Stellen der heil. Schrift über den Messias und die messianische Zukunft ausgelegt, die ganze Geschichte der Menschheit erklärt und die weltgeschichtliche Mission des Judenthums wiedergefunden, überhaupt alle Lehren und der ganze Charakter des Judenthums hiermit in Uebereinstimmung erkannt. Von dieser Anschauung aus erscheint die Rückkehr der Juden, oder wenigstens eines Theiles derselben noch nicht als unmöglich, sie kann immerhin ftattfinden und geglaubt, ja gewünscht werden, aber sie hat nicht mehr die Bedeutung einer eonditio sine qua non, einer unbedingten Nothweydigkeit für die Zukunft des jüdischen Stammes, in welcher alle Hoffnungen und Aussichten desselben sich concentriren. Es mag immerhin zugegeben werden, daß die Erörterungen über diese beiden Vorstellungen noch nicht zu Ende geführt sind, daß für die erstere noch mancher Lehrer in Israel seine Lanze bricht und seine Jünger für die strenge Aufrechterhaltung des früheren Dogma verantwortlich macht: in der Gesinnung und Anschauung der großen Mehrheit hat die letztere den entschiedenen Sieg gewonnen und muß so als ein factischer Gegensatz zur Vergangenheit betrachtet werden. — Wir bleiben heute bei diesen beiden Dogmen stehen, da die Verschiedenheit in anderen Lehrmeinungen sich mehr individualisirt. Doch müssen wir im Allgemeinen bemerken, daß die Vorstellung vom göttlichen Wesen überhaupt sich gegen die voraufgegangenen Zeiten mehrfach geklärt, daß man den kindlich kleinlichen Standpunkt, von welchem aus die Menge Gott anschauete, sich zu höheren und erhabeneren Gesichtspunkten erweiterte, daß von hier aus die Ansichten über das menschliche Leben, seine Bedeutung, und Zwecke sich vereinigten und dadurch die Begeisterung für die Lehre des Judenthums als solche steigerte, ja eine neue Ueberzeugungstreue an Stelle der. früheren, mehr als Furcht und Gewohnheit sich charakterisirenden, entzündete, eine Ueberzeugungstreue, welche im Seelenleben aller Individuen von der höchsten Wichtigkeit ist, in besonderen Fällen aber auch gegen die zerfetzenden Elemente des Lebens wirkt, wo der Zusammenhang mit der concreten fe scheinung der Religion durch die Hingabe an das allgemeine Leben geschwunden ist. . Wir blicken also auch innerhalb dieser großen Partie der Religion auf eine neue, mit der Vergangenheit contrastirende.Gestaltung, die zugleich eine allgemeine ist. Es bleibt uns nun nur noch die religiöse Praxis übrig. Diese trennt sich in die ethische und. eultuelle, welche letztere noch alles Das einschließt, was vom jüdischen Recht zur Anwendung übrig geblieben. In ethischer Beziehung können wir eine eigentliche Reform nicht hervorheben. Die allgemeinen Sittengesetze des Judenthums sind in allen Zeiten dieselben. Ihre Ausübungnüancirt nach dem verschiedenen Geiste, nach den sich verändernden Verhältnissen der Zeiten und in allen Individuen. Sicherlich haben die Juden unter der Einwirkung ihrer gänzlich veränderten Stellung und des allgemeinen Lebens mancherlei sittliche Veränderung^ erfahren; es haben sich Tugenden, welche, durch die Abgeschlossenheit, in der sie lebten, gefördert, sich in ihren - Familien von Geschlecht auf Geschlecht fortpflanzten, abgeschwächt, und hinwiederum Fehler und Schwächen, die aus ihrer geschichtlichen Lage hervorgegangen, an Bestand verloren; ihr allgemeiner Charakter hat sich vielfach abgeschliffen, aber unter dieser Operation auch manche Demantspitze hingegeben. Alles Dies bildet, jedoch kein so fest umgrenztes Gemälde, als daß wir es in seiner Gegensätzlichkeit zu zeichnen vermöchten. Bei dem oben beschriebenen Umschwung war es natürlich, daß auch der ethische Theil der jüdischen Religionslehre von Neuem besonders betont, erörtert und durchgearbeitet wird, wahrend er von, den früheren Lehrern wie als selbstverständlich bei Seite gelassen war. Daß in der jüngsten Zeit endlich auch auf die socialen Grundsätze, die im mosaischen Gesetze verkündet und niedergelegt sind und-sich im ganzen Lehen des Judenthums, wenn auch vielfach alterirt, geltend erhielten, ein neues Gewicht gelegt und sie mit. Nachdruck als von der religiösen Lehre des Judenthums, untrennbar und für die Entwicklung der Menschheit von außerordentlicher Bedeutung erkannt worden, wollen wir hier nur andeuten. . -; Wir stehen daher nunmehr an der cultuellen Praxis des Judenthums, wollen aber zuvor/ weil sich hier ein. Wendepunkt in unserer Betrachtung ergiebt, einen Augen-, 32*