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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1862-08-05 · Heft 32 (5.8.1862) · p. Seite 436

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
26 (1862)
Issue
Heft 32 (5.8.1862)
Date
1862-08-05
Page
Seite 436 (sequence 2)
Language
German
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m um scheinbar widersprechende Stellen der Bibel und Midraschim ost in humoristischer Weise aufzulösen; die Schule sank rzu einer-mechanischen Beschäftigung mit „Bibel und Talmud imEohesterWeise herab, und die Literatur Hotnichts als halachische Arbeiten und Responsen. Wie nun in der Synagoge fich die Predigt in gebildeter Sprache und logischer Form, in der, Schule ein methodischer Unterricht und ein hesonderexHeligihnsunterricht, in der Literatur neben diesen beiden Zweigen auch allgemeine und philosophische Bearbeitung des Lehrinhaltes des Judentums immer mehr Raum gewonnen und jene früheren Objecte gänzlich beseitigten, so sind dies die Symptome der Umwandlung, die vor sich gegangen, daß nämlich im Geistesleben der Juden der Lehr- und Gedankeniphalt ihrer Religion das Uebergewicht erlangt hat, zum Kern des religiösen Lebens geworden und als der höchste Zweck und die eigentliche Grundlage auch der religiösen Uebung und That anerkannt ward. Es entgeht Niemandem, daß hiermit ein Wesenhafter Gegensatz zur Vergangenheit erreicht war, ein Gegensatzan welchem alle religiösen Richtungen Theil haben. Zweitens war hiermit die Ausscheidung alles Mysticismus ‘ und massenhaften Aberglaubens verbunden. Es ist Niemandem unbekannt, daß schon seit der Zeit der Zerstörung Jerusalems sich neben der einfachen und vernunftgemäßen Auffassung und Auslegung der heiligen Schrift eine mystische Anschauung und Erklärung anspann und ausbildete, die mit nebulirender Allegorisirung begann und in der Kabbala zu einem völligen Mysticismus sich entwickelte, welcher in'praktischer Beziehung zu Zauberei und Wunderthäterei ward. Beide Richtungen machten sich im mittelalterlichen Judenthume bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts neben einander geltend und vereinigten sich auch oft in einzelnen Geistern, verfehlten auch ihre Wirkungen auf die Masse nicht. Sehen wir ab von der traurigen Erscheinung, daß diese Kabbala im östlichen Europa zu dem auch die Orthodoxie als ihre Widersacherin betrachtenden Chassidismus ausartete und daß im Herzen Deutschlands »euerdings einige Versuche gemacht werden, den früheren Mysticismus abermals durch Allegorisirung und Symbolisirung zu ersetzen, Versuche, die jedoch als gescheitert angesehen werden müssen, so zeigt es sich überall, daß die Kabbala nur noch ein Gegenstand der geschichtlichen Forschung und ohne irgend eine Geltung, ohne irgend einen Einfluß auf die religiöse Anschauung ist, und daß mit ihm eine Masse von Aberglauben geschwunden. Wir erinmrn an die Talismane, Kamaien, an das abergläubische Spiel, das mit den Schriftzügen des höchsten Gottesnqmens gegeben ward, an den Aberglauben im Zimmer-der Wöchnerin, am Sterbelager und an 'der -Gruft, an die Schedim und Meßim u. ft w. Wenn Äüch',Spüren davon noch immer in einigen seltsamen und grotesken Bräuchen geblieben sind, so werden diese doch eben nur noch geduldet und haben ihr Bewußtsein in der Masse des Volkes' verloren. - j ' Drittens endlich sind mehrfache Glaubenslehren, welche in der früheren religiösen Ueberzeugung eine hohe Geltung-hatten, verblaßt. Wir sagen mit Nachdruck „verblaßt", nicht geschwunden oder gar aufgegeben. Da wir es diesmal nur mit den realen Thatsachen zu thun haben, weder angreifen, noch vertheidigen, weder bekräftigen, noch widerlegen wollen, sondern nur die Erscheinungen, wie sie sich in der Allgemeinheit und Wirklichkeit zeigen, zu beleuchten beabsichtigen, so können wir von den Glaubenssätzen, die wir im Sinne haben, nur aussagen, daß sie verblaßt sind im Bewußtsein und Glauben der großen Mehrheit im westlichen Europa, daß sie ihre Herrschaft über die Geister verlören haben und eben nur noch in den überkommenen'Gebeten und einem Theile der Lehrbücher dastehen, ohne wirkliches Leben zu haben. Hierher ist zunächst die Wiederbelebung der Tobten zu rechnen, daß also die Todten deremst wieder erstehen, die Seelen in ihre früheren Körper zurückkehren und ein abermaliges Leben auf der verjüngten Erde wieder beginnen werden. Dieses durch eine ausdrückliche Sentenz im Talmud streng sanctionirtes Dogma widerspricht der Anschauung und dem Verstäridniß der neueren Zeit ganz und gar und erhält sich bei den neueren Juden nur eben als eine Formel, ohne ein Moment der Ueberzeugung und des Glaubens zu bilden. Diesem zunächst steht der Glaubenssatz an einen persönlichen Messias, daß also dereinst der Messias in einer wirklichen Persönlichkeit aus dem Davidischen Geschlechte auf der Erde erscheinen, die Juden sammeln, nach Jerusalem zurückführen, die Völker richten, das jüdische Reich im heiligen Lande mit Tempel- und Opfercultus wieder Herstellen und: für den jüdischen Stamm eine dauernde Zeit völliger Glückseligkeit und ungestörter Herrschaft bringen werde. Der vorurteilslose Beobachter wird wissen, daß dieses Dogma,-wenn auch von den Lehrern der Synagoge energisch aufrecht erhalten, doch schon vor langen Zeiten seine eigentliche Herrschaft im Herzen des Volkes verloren hatte, und zahlreiche Sprüchwörter und Witzeleien, die im Volke gang und gäbe waren, erweisen, daß der Ernst und Glanz dieses Glaubens schon lange

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