Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 26 (1862)
- Issue
- Heft 31 (29.7.1862)
- Date
- 1862-07-29
- Page
- Seite 421 (sequence 3)
- Language
- German
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421 rischen Erscheinungen, nach dem Zwecke des Bestandes des jüdischen Stammes, wie er über die ganze Erde zerstreut und unter allen Völkern verbreitet ist, erhob sich bewußt und unbewußt in allen Geistern und hatte in kurzer Zeit den Begriff zur Folge, daß Judenthum und Juden nicht blos isolirt als Individualität und Individuen existiren, daß ihre Existenz in Wirkung und Zweck sich nicht blos auf sie selbst, die eine so geringe Minorität in der Gesammtheit des Menschengeschlechts bilden, beschränkte, sondern daß sie die Träger, Zeugen und Lehrer der wahrhaften Gotteslehre mit allen sittlichen und socialen Consequenzen derselben, allem theoretischen und praktischen Heidenthume in der Menschenwelt gegenüber, seien. Dieser Begriff löste das Räthsel ihrer Existenz auch in der Zerstreuung, festigte sie auch in der Theilnahme an der allgemeinen Cultur, war mit der acht jüdischen Lehre von der göttlichen Vorsehung übereinstimmend, zerstreute die Mißachtung, in welche die Juden bei sich selbst und bei Anderen gerathen waren und gab einen neuen, sichern Boden ab, auf welchem die jüdische Ueberzeugung auch in ihrer neuen Phase sich erhob. Dieser Begriff durchdrang daher schnell Lehrer und Masse, sprach sich in Synagoge, Schule und Schrift immer klarer und überzeugender aus und wurde der geistige Lebensmittelpunkt für das Bewußtsein und das Gewissen aller jüdischen Individuen. Man sah das Judenthum und den jüdischen Stamm durch die ganze Geschichte der Menschheit reichen, man sah die großen positiven Religionen aus dem Stamme des Judenthums entsprungen und doch nur theilweise den Inhalt des Judenthums festhaltend; man sah die entwickelten Völker sich den Lehren und Grundsätzen des Judenthums immer mehr nähern und verstand nun den Gang und die Ziele der Weltgeschichte. Wie die ganze talmudisch-rabbinische Phase sich unmittelbar an das Gesetz der Thora, so knüpfte sich dieses in seiner Allgemeinheit neue Bewußtsein an die Verkündigungen der Propheten, schwebte somit durchaus nicht in der Luft, sondern hatte seine feste Begründung und Grundlage in den Propheten. Auch in diesen beiden großen Momenten haben wir objective Thatsachen , an denen keine einzelne religiöse Richtung einen alleinigen Antheil hätte, sondern welche in der Gesammtheit vor sich gingen, und welche sich nicht als eine geistige Reform verleugnen. (Fortsetzung folgt.) Endingen, 15. Juli. Me Bewegung im Aargau. Was vor'Monaten Keiner, der an den Fortschritt im Aargau glaubte, erwartet, das ist jetzt bei uns eingetroffen. Mehr denn 9000 Stimmen haben das Gesuch um Abberufung unseres Großen Rathes unterzeichnet. Nun freilich ist die Emancipation der Juden nicht die eigentliche, noch viel weniger die einzige Triebfeder zu diesem Schritte. Freilich wird jetzt Alles, was seit 10 und mehr Jahren im Schoße der Verwaltung und Gesetzgebung dem Einen oder Andern Mißliebiges widerfahren, jeder Druck, der von irgend einer Beamtung nach der einen oder andern Seite geübt worden, in die Wagschale gelegt und alle bis dahin zerstreuten Empfindungen der Unzufriedenheit in einen Schmelztiegel geworfen, um am Tage der Abstimmung in das große Werk der Abberufung umgegössen zu werden. Denn „wen jetzt ein Hühnerauge drückt, der schlägt auf den Schuh." : Wer bei irgend einer Wahl von der Behörde übergangen worden, der will dieser jetzt feine Souveränität fühlen lassen. Bei all Dem aber mußte die Emancipation als Hebel zu dem schönen Unternehmen dienen. Darum wurden die ersten Versuche der Aufregung bei demjenigen Theile der Bevölkerung angestellt, der ultramontanen Zwecken am meisten zugänglich ist, und wagten sich die anfänglich wenigen Gegner der Emancipation an diejenigen Landestheile, die auch 1830, 1835 und 1842 sich mit der bestehenden Ordnung nicht sehr befreundet erwiesen und heute noch unfern Staatslenkern, besonders einem Landamann Keller, die Klosteraufhebung und Jesuitenvertreibung nicht vergessen mögen. — Das versteht der Agitator Schleuniger zu gut, der seit 20 Jahren mit dem liberalen Regime im Kriege lebt. — Die Bezirke, die dem Umstürzen weniger günstig sind , mußten durch andere Zündstoffe ins Feuer gebracht werden. Trotz allem Agitiren wurden aber hier nicht mehr als 600 Unterschriften aufgebracht. Durch eine Verordnung der Regierung werden die Bürger des Cantons Aargau am 27sten Juli zur Versammlung in Kreisen geladen, um durch geheimes Mehr zu entscheiden, ob der Große Rath abberufen werden solle oder nicht. Die Entscheidung ist im Augenblicke sehr zweifelhaft. Gelingt das ftomme Werk der Agitation, so schreibt die Geschichte in die Annalen des Aargaus:, Am 27. Juli 1862 wurde der Große Rath. des Cantons Aargau von der Mehrheit seines Volkes abberufen, weil er, einem Beschlüsse der Bundes? 31*